Jimi Hendrix sprach zu uns, wofür wir besonders dankbar waren. Da er in berühmten R&B-Revuen gespielt hatte, bevor er seine Gruppe »Experience« gründete, hatte er bestimmt spezielle Ansichten zur Bildung einer Gruppe beizusteuern. Zwar erschien er uns nur als eine leichte Brise in den Vorhängen, aber er war sehr gesprächig.

Warum Rock ‘n’ Roll?
Jimi Hendrix: Der Rock ’n’ Roll ist eine amerikanische Kunst, die aus der Industriellen Revolution, der Nutzbarmachung von Elektrizität und der ethnischen Vermischung verschiedener armer, ausgebeuteter und in Knechtschaft gehaltener Kulturen in den USA entstand. Der Rock ’n’ Roll ist sowohl eine Feier als auch eine Verurteilung der Trash-Kultur, des Klassenkampfes und von Herrschaftsprivilegien.

Aber warum sollte man eine Band gründen?
Die Frage ist allerdings berechtigt: Wozu noch eine Rock-’n’-Roll-Gruppe? Die abfälligen Anzüglichkeiten, die Grimassenschneiderei, die Kunstlosigkeit, die Sinnlosigkeit, der Stumpfsinn, das Überangebot an Gruppen, die Vertragsbetrügereien, die offensichtliche Selbstherrlichkeit der Gruppen, gleichzeitig dazu der Selbstekel, die reaktionären politischen Ansichten, die Objektivierung des Performers durch den Zuschauer, die Objektivierung des Zuschauers durch den Performer, die Augenwischerei, das Plagiieren und der Narzissmus sind für den denkenden Betrachter Anlass genug, um vor jeglichem Flirt mit dem Zeitvertreib des »Gruppentums« davonzulaufen.
Diesem Weg muss die Gruppe aber nicht folgen. Die Surfer waren zum Beispiel existenzialistische »Abartige«, denen vor Intellektualismus, Konsumdenken und normativen Vorstellungen von Hierarchie und Erfolg graute. Diese Verachtung zeigten sie (oder entwickelten sie) mit dem Surfen, eine Aktivität (inzwischen völlig in die Welt des Sports integriert), die zuerst von Hawaiianern ausgeübt wurde und der von ihren Anhängern eine besondere spirituelle Qualität zugeschrieben wird. Der Surfer kommuniziert mit Gott in der temporären Form der Welle. Typisch für die Surfer war zwar ein gemeinsamer Widerwillen gegen die Gesellschaft, ein sinnlicher Antiintellektualismus und draufgängerische Waghalsigkeit, aber trotz dieser gemeinsamen Werte betrachteten sie sich nicht als »Surfer«, außer in der Art, in der Leute, die Autos fahren, sich als »Autofahrer« oder Leute, die essen, sich als »Esser« betrachten würden.

Die Surfer wussten also nicht, dass sie Surfer waren?
In diesem Augenblick meldete sich der Geist von Jim Morrison, der Frontmann der Doors, der selbst einmal in Südkalifornien gelebt hatte, zu Wort. Jims Aneignung von Elementen des Avantgardetheaters, die die Doors von anderen Gruppen dezidiert unterschieden hatte, zeigte sich auch in der Art seiner Kommunikation. Er sprach, indem er Buchstaben mit dem Dampf bildete, der aus der Teekanne kam, die auf dem Tisch stand.

Jim Morrison: Erst als energiegeladene Instrumentalgruppen wie The Bel-Airs, The Chantays und die Del-Tones in Südkalifornien vor einem größeren, begeisterten Publikum auftraten, erkannte sich diese Ansammlung von Herumtreibern und Nonkonformisten an ihren Gemeinsamkeiten und sah, dass ihnen eine ganze Kultur des Surfens mit eigenen Gewohnheiten, einem eigenen Bekleidungsstil, eigenen Sitten und einer eigenen Weltanschauung eigen war. Die allgemeine Entdeckung dieser Surfsubkultur durch Schallplatten fiel also mit dem Zeitpunkt zusammen, als die Surfer sich selbst als Subkultur erkannten.
Die Surfmusik, die am Anfang eine frenetische, gitarrendominierte Tanz- und später adrette Postpopmusik à la Beach Boys und Jan & Dean war, schweißte diese hochgradig individualistischen Nichtsnutze zusammen, indem sie in die Imagination der Öffentlichkeit eingeschleust und danach über die Artikulation ihrer ihnen eigenen Wunschträume, Ängste und ihres Gedankenguts romantisch verklärt wurden.
Man kann sicher sagen, dass die Surfer an ihrer Kodierung und Kommodifizierung fast gar nicht beteiligt waren. Tatsächlich war es so, dass die Surfgruppen richtige Surfer ausbeuteten und sie als Fetischpuppen instrumentalisierten, um den orientierungs- und hoffnungslosen postindustriellen Teenyboppern Südkaliforniens – und damit der ganzen Teenagernation – eine Identität zu verleihen.