Wenn man so will, begann die Berliner Nacht 1976. In diesem Jahr zog David Bowie von London nach Berlin und machte die westdeutsche Enklave zum internationalen Hotspot der Popkultur und des nächtlichen Hedonismus. Natürlich war Berlin damals alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in Sachen Alternativkultur, natürlich gab es die Kommune 1, die Band Ton Steine Scherben, die sich aus Kriegsdienstverweigerern aus der ganzen Republik speisende APO.
All das berührte die neue Bohème aber nur am Rande. Ihr ging es weniger um eine Radikalisierung der Politik – sondern um radikale Persönlichkeitsentwürfe (gerne auch drogeninduziert), radikalen Sound, eine neue Art des Feierns – kurz: um das alte, avantgardistische Projekt, Kunst und Leben zu etwas Anderem, Neuem zu amalgamieren. Das zog das entsprechende Publikum aus der ganzen Welt an: David Bowie aus London, Iggy Pop aus Detroit oder Gudrun Gut aus der Lüneburger Heide. Berlin war und ist anders. Etwa Punk:
Das war in Berlin mehr als geschrammelte Musik mit politischen Texten, sondern ein kreativer Sumpf, ein Grenzgebiet zwischen Mode, Aktionskunst, Malerei und Exzess. Genau in diesem Punkt ist sich Berlin treu geblieben, bis heute. Mitte der 1980er Jahre, als sich Punk und New Wave totgelaufen hatten, entdeckte das hungrige Berliner Nachtvolk Techno – gerade zu einem Zeitpunkt, als sich die Maschinenmusik in ihrer Heimat Detroit auf dem absteigenden Ast befand. Als dann die Mauer fiel, war das der Sound, zu dem man den brachliegenden Osten für sich eroberte. Wer heute in Berlin ausgeht, kann ohne Mühe alte Haudegen treffen, die von längst vergangenen wilden Zeiten schwärmen und trotzdem in der Gegenwart ganz und gar zu Hause sind. David Bowie gehört übrigens nicht dazu: Sein im März erschienenes Album »Changing Days« ist in erster Linie eine Klage über die Uneinholbarkeit der großen Berliner Tage … »Nachtleben Berlin« versammelt Bilder und Geschichten aus fast 40 Jahren Berliner Nachtkultur. Eine kleine Auswahl findet sich auf diesen Seiten.

Der Publizist und Diplomat Joachim Sartorius über die Paris Bar
Heiner Müller zum Beispiel liebte die Paris Bar und kam, mit einem speziellen Passierschein ausgestattet, auch vor dem Mauerfall oft dorthin. Die Kellner kannten seine Lieblingszigarrenmarken und seine Lieblingswhiskeys und brachten sie fast schlafwandlerisch an den Tisch des mondsüchtigen Dramatikers. Ein Abend mit Heiner Müller und Iannis Kounellis ist mir noch besonders scharf im Gedächtnis. Die beiden wollten im Gespräch herausfinden, was große Kunst sei. Nun muss man wissen, dass Heiner Müller gut Deutsch und schlecht Englisch, Iannis Kounellis schlecht Griechisch und schlecht Italienisch sprach. Die beiden verständigten sich mit Gesten, Grimassen, kleinen Zeichnungen auf Servietten und Papierfetzen. Was kam heraus? Große Kunst, das sei rücksichtslose, radikale Versenkung in das Eigene, gepaart mit einem internationalen Vokabular, das jeder versteht.

Die Modemacherin Claudia Skoda über den Dschungel in der Nürnberger Straße
Es war ein 50er-Jahre-Ambiente, ein bisschen wie in einer italienischen Eisdiele; nicht abgerockt und mit alten Möbeln bestückt wie andere Bars. Außerdem wurde nicht jeder reingelassen, und drinnen konnte man von der Empore herab auf die Leute runtergucken. Dazu kam, dass die Barleute Persönlichkeiten waren. Oben an der Bar hat Salomé gearbeitet, es war die Zeit der Jungen Wilden. Alle möglichen Popstars und Prominente standen hier, ohne dass das gleich eine Sensation gewesen wäre. Was es nun wirklich prickelnd gemacht hat, war die Vermischung mit der Schwulenszene. Das gab es so noch nicht, und das war dann auch typisch für Berlin. Aber gut – wenn man so will, war der Dschungel einfach nur eine kleine Bar mit Tanzfläche.

Der Musiker und Musikjournalist Hagen Liebing über das Risiko in der Yorkstraße
Das »Risiko« hatte keine festen Zeiten, es öffnete gegen acht Uhr abends und wurde erst geschlossen, wenn am nächsten Morgen auch der letzte Gast schlappgemacht hatte. Zwischendurch drängten sich mehr Menschen hinein, als der kleine Laden eigentlich fassen konnte. Nachdem es zeitweise Ärger mit marodierenden Skinheads gegeben hatte, regelte ein Türsteher das Nötigste. Folge dieser Auseinandersetzungen war übrigens auch das charakteristische, grau gestrichene Lochblech als Frontverkleidung – man musste Ersatz schaffen für das von Randalierern zerschlagene Schaufenster. […] Meist reichten Bier und Schnaps gerade ein paar Stunden, weil es mal wieder niemand geschafft hatte, mittags wach zu werden, um den Getränkelieferanten Einlass zu gewähren. Supermärkte machten bereits um 18 Uhr zu und Spätis waren noch nicht erfunden, also profitierte die »Futterkrippe«, ein 200 Meter nebenan gelegener Imbiss. Dort kaufte man palettenweise teures Dosenbier von den ersten Einnahmen des Tages, auch weil vorher oft kein Geld da war, um Einkäufe zu tätigen. Vieles hatte der Betreiber Kögler in Drogen angelegt.

Die Agenturchefin und Bestsellerautorin Heike Blümner über das wmf
Als in den 90er Jahren das Nachtleben den Berliner Osten als Abenteuerspielplatz entdeckte, dauerte es nicht lange, bis die Praxis ihre eigene Theorie hervorbrachte: »Nomadisch« zu sein, war das Gebot der Dekade. Nicht, dass es eine andere Wahl gegeben hätte. Der ganze Osten war ein temporäres Gefüge mit unklaren Besitzansprüchen, in dessen Nischen gar nichts anderes möglich war als Nichtsesshaftigkeit – das aber dafür mit System. Nichts wäre uncooler gewesen, als sich einen Ort, eine Gruppe oder eine Institution zu suchen mit dem Ziel, es sich offiziell und auf Dauer hübsch zu machen.

Der Autor und Filmkritiker Andreas Busche über das SNIPER
Damals gab es im Umkreis von wenigen hundert Metern Läden wie den Eimer und das Chunk, das Panasonic, das 103, das Kunst und Technik und die galerie berlintokyo. Absturzläden, Kellerbars, Ladenlokale, DJ-Kaschemmen, Alibi-Kunstorte (manchmal auch: Alibikunst-Orte), die ihre eigentliche Bestimmung kaum verhehlten. Soziale Transiträume, in denen sich die Biografien der Kreativen und Feierwütigen verzahnten und die Übergänge von Arbeit und Party fließend verliefen. Das SNIPER aber suchte seinesgleichen. Es war der exemplarische Nicht-Ort jener Jahre, an dem die Gesetze der Zeit außer Kraft gesetzt schienen – was nicht nur an den äußerst populären Video-Cookies lag, die unterm Tresen verkauft wurden, oder an dem chinesischen Schlangenschnaps, der demonstrativ auf der Bar platziert war. Das SNIPER kannte keinen Anfang und kein Ende: ein Loop, das man betreten und verlassen konnte wie eine Video-Installation im Museum. Der Club als zeitbasiertes Medium.

Der Popkritiker und Autor Jens Balzer über das West Germany am Kottbusser Tor
Durch eine unscheinbare Tür an der Skalitzer Straße kommt man ein ebenso klar gekacheltes wie streng riechendes Treppenhaus empor, bis man im dritten Stock zwei hintereinanderliegende Räume betritt. Linker Hand geht es auf eine lange schmale Terrasse, die von einer mannshohen Betonmauer begrenzt wird. Wenn man sich auf einen der zahlreichen herumstehenden Bierkästen stellt, kann man über die Mauer hinweg auf das nächtliche Kreuzberg schauen; zur anderen Seite reckt der Sozialbau sich hoch in den Himmel, von Dutzenden von Satellitenschüsseln geschmückt. Innendrin fand sich ein paar Jahre lang einer der aufregendsten Orte des Berliner Nachtlebens. […] Im Sommer war es so heiß, dass der Schweiß von den gekachelten Wänden heruntertropfte; im Winter war es so kalt und klamm, dass man in dem verpilzten Gemäuer sofort ein feuchtes Gefühl auf der Lunge bekam.
40 Jahre Nachtleben in Berlin: Eine Grenzen sprengende Vielfalt gesellschaftlichen Lebens von West nach Ost, von Subkultur bis Glamour, von Punk über Techno bis zur Gegenwart. Mit zahlreichen Originalbeiträgen und zahlreichen unveröffentlichten Fotos im Großformat.