Eine freundliche Vorstellung sieht anders aus. 1983, das Hamburger Musikmagazin »Sounds«, die bis dahin führende Stimme des Musikjournalismus in Deutschland, hat gerade dichtgemacht, also heuert Diedrich Diederichsen, die Edelfeder des Blattes, gerade mal 26, bei dem Kölner Magazin SPEX an. Sein Debüttext trägt den nicht gerade kleinlauten Titel »Krieg und Frieden«. Und durchaus anmaßend ist auch der Ton, den Diederichsen anschlägt. Zuerst mal schreibt er, was er sich von seiner Leserschaft erwartet: »Mit einem Freund muss man nicht erst Selbstverständliches klären. Kann eine Zeitschrift dein Freund sein, wenn sie, wie unlängst der Stern, schreibt: ›Goya, der bekannte spanische Maler‹?« Es geht also um den gepflegten Insidersprech. Wer nicht versteht, worum es geht, wer die Anspielungen und Zitate nicht checkt, soll bitte weiterhin die bürgerlichen Massenblätter lesen und sich »gut informiert« fühlen.

»Treib Pop auf die Spitze, spiel den Spaß-Guerilla, durchdringe das System, führe den immanenten Wahnsinn des Showbiz ad absurdum. Besser noch: übertreffe ihn.«
— Ralf Niemzyk über The KLF

Und dann wird scharf geschossen. Diederichsens Ziel: Gerald Hündgen, immerhin Chefredakteur der SPEX. Der wagte es in einer der Ausgaben zuvor, die Gretchenfrage zu stellen, nämlich: »Wie hältst Du es mit der Politik?« Er beklagte, dass immer weniger Bands offen politisch agitierten, wie es etwa The Clash taten. Dabei rutscht ihm ein kleiner Seitenhieb gegen »Mickey-Maus-Hefte« durch (die damals von den vermeintlich unpolitischen Pophipstern genauso cool gefunden wurden wie Gelfrisuren oder der weibliche Gesang von Boy George). Diederichsen: » ›Mickey-Maus-Heft‹ ist in den 60ern in spießigen, verantwortungsbewussten BRD-Bildungskreisen der Ausdruck für Comics gewesen. Selbst das Eingeständnis, sie zu verschlingen, wenn sie mal herumliegen, ändert nichts an der Verachtung, die dem Begriff zugrunde liegt.« Der Autor, doziert Diederichsen weiter, habe wohl einen völlig albernen, staatsbürgerlichen Politikbegriff und spiele damit »deren Spiel«: »An einer Politik mitzuwirken, sei es als Demonstrant oder Bundeskanzler, die von Nachrichtenagenturen und Massenmedien ihren Stoff bezieht, heißt auf den Mediengag Demokratie hereinzufallen.« Die einzige Option, die man in den westlichen Industriegesellschaften angesichts der »lebenslangen Psychofolter« habe, sei, die Künstlichkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern zu affirmieren. »Aufhören, nach dem Sinn oder dem Dahinter zu suchen und das Gegen-Delirium in Schwung setzen!« Also für Mickey Mouse, für Synth-Pop à la Haircut 100, für die offenen Widersprüche einer materiellen Welt! Kommunist kann man ja trotzdem sein: »Unser Mann heißt Andropow, der nette alte Mann aus dem Kreml. Der sagt: nur wer auf die unzerstörbare Macht der roten Armee vertraut, kann den Frieden sichern. Und recht hat er.«

»Ich wählte ein paar Mal am Tag die Nummer 040/1166, die als Kripo-Ansage-Dienst die Stimme eines Kieler Mörders brachte, der tatsächlich sprach wie ein Mörder auf einer sehr schlechten Märchenplatte. Auf dem Niveau von Klaus Kinski, aber echt. SICK. Die Zeit lamentierte anschließend natürlich wieder von pietätlos. Es ist unglaublich, dass sich die ZEIT immer genau so verhält, wie man es von ihr erwartet. Im ›Risiko‹ haben sie am Abend 1166 über Lautsprecher abgespielt.«
— Diedrich Diederichsen, Krieg und Frieden II

Natürlich wurde schon vor SPEX in Deutschland über Pop geschrieben. Sehr elaboriert sogar. Der Pop- und Jazzkritiker Helmut Salzinger etwa, der unter dem hippiesk anmutenden Namen »Jonas Überohr« in Sounds schrieb, liebte es, auf die Paradoxien der Gegenkultur hinzuweisen (Rock als Instrument der Befreiung vs. Rock als Ware) und verwob in seinem Buch »Swinging Benjamin« Theorie und Lifestyle sehr kunstvoll. Im linken Diskurs der siebziger Jahre (und nur in diesem tauchte die »leichte Kultur« im intellektuellen Kontext überhaupt auf) wurde Pop jedoch vor allem als Instrument verstanden, das entweder der Emanzipation diene und also wertvoll – oder eben Teil der Verblödungsmaschinerie sei.

»In Deutschland hat es keine Probleme mit der Veröffentlichung der Slayer-Platte gegeben. Nicht etwa, weil in den Plattenfirmen der Faschismus ausgebrochen ist, noch etwa, weil man bei näherer Prüfung erkannt hat, dass ›Angel of Death‹ eine tiefbetroffene Abrechnung mit dem Auschwitz-Schlächter Mengele ist, sondern mit dem unvergleichbar coolen Argument, dass hierzulande eh kein Schwanz die Texte verstehen wird. Schlau.«
— Clara Drechsler über Slayer

Die Zeitschrift SPEX, 1980 in Köln gegründet und nach der Punkband »X-Ray-Spex« (Röntgenbrille) benannt, hatte mit dieser Form von Politisierung nichts am Hut, alleine schon, weil so die verhassten, gerade alle wichtigen Positionen im Kulturleben einnehmenden Hippies dachten. SPEX hingegen war Sprachrohr der nächsten Generation, der Punk- und New-Wave-Bewegung. Jedoch ging es nie nur um diese Musikstile. Vielmehr pflegte man bei SPEX eine ganz eigene Definition dessen, was gut und interessant war. »Geschichtlich«, wie Diederichsen es nannte, musste es sein. Ausdruck der Gegenwart. Zum Teufel mit zeitlos qualitativen Rocksymphonien und von ganz tief unten, aus dem »authentischen Kern des Selbst« heraufgekurbelten Trommelsoli, mit denen nur der bürgerliche Genie-Begriff wieder fröhliche Urständ feierte. Es ging nicht mehr darum, die als künstlich erkannte Welt zu kritisieren. Das war Hippiekram. Die durchaus linke Erkenntnis (denn links war man, selbstredend), dass es kein Außen gab, kein richtiges Leben im Falschen, führte nun zu der Praxis, die Künstlichkeit zu bejahen, die Widersprüche, in denen man notwendig lebte, auf die Spitze zu treiben und auszustellen. Dieses theoretisch anspruchsvolle und für Altlinke völlig kryptische Programm führte dazu, dass in der SPEX zielstrebig der interessante Pop im Fokus stand. Und je widersprüchlicher ein Phänomen, umso besser.

»Ich bin mit einem Nervenzusammenbruch auf die Welt gekommen, hatte immer einen starken Drang zur Selbstzerstörung. Darin war ich tatsächlich ein Genie.«
— Yves Saint Laurent im Interview mit Tobias Thomas

Culture Club etwa: Natürlich waren das weiße Mittelklassehipster, die den Schwarzen ihren Reggae »wegnahmen«. Kolonialisten, genau genommen. Aber doch war die Band mit dem trällernden »Frontmann« Boy George eben so catchy, kombinierte so gewagt Unpassendes, dass man sie gut finden musste. Natürlich waren die Beastie Boys albern und sexistisch. Aber es war eben auch ein Geniestreich, Rap in einen Pennälerstreich zu verwandeln. Natürlich war Madonna ein »material girl«. Aber sie trug ihre Oberflächlichkeit wie eine Fahne vor sich und genau das war emanzipativ. Natürlich war die Metalband Slayer ein Ausbruch an brachial-dummer Männlichkeit, natürlich war der Frontmann ein gottverdammter Rechter. SPEX-Autorin Clara Drechsler stellte das alles in Rechnung, kam dann aber doch nicht umhin, ihre Faszination für die faschistische Ästhetik, ihr Erschaudern vor der »Erhabenen Sinnlosigkeit« (so der Titel ihres Textes) zu gestehen. Und natürlich ist Techno stumpf, aber … – und so weiter.

»Gut, dass Daft Punk den Punk-Knopf gedrückt haben, sonst wäre Paris vielleicht nie aus dem Dornröschenschlaf erwacht.«
— Hans Nieswandt über Daft Punk

Was die SPEX-Texte so interessant macht und sie auch heute noch so erstaunlich wirken lässt, ist ihre Mischung aus radikal subjektiver Herangehensweise (wenn etwa der Autor Olaf Dante Marx eindeutig auf halluzinogenen Drogen Marc Almond besucht und einen unheimlichen Hexenmeister zu Gesicht bekommt) und apodiktisch, ja anmaßend vorgetragenem Urteil. Natürlich gab es dafür vereinzelte Vorbilder. Die Gonzo-Texte von Hunter S. Thompson etwa. Die SPEX-Methode – Popkritik als Abtastung der Gegenwart, als Ausagieren der Widersprüche, in denen wir uns befinden – war tatsächlich neu, auch im internationalen Rahmen. Das Flaggschiff der internationalen Popjournaille, der britische NME, beschränkte sich stets darauf, dem Ideal eines Pop-Boulevards nachzueifern. Und der amerikanische Rolling Stone war immer eher ein General-Interest-Magazin, das eben auch über Pop berichtete. Diesen jedoch nicht nur zu beschreiben, sondern performativ, als involviertes Individuum, vorzuführen, ist eine Erfindung der SPEX.

Auch wenn der widersprüchliche, oberflächenaffine Pop der frühen SPEX-Jahre selbst bald in die Jahre kam und eben nicht mehr der heiße Scheiß war, so bewies die SPEX, dass sie eben nicht nur ein Lifestyle-Magazin der achtziger Jahre war, sondern auch weiterhin präzise die interessanten Trends benannte und vor allem die richtigen Fragen stellte. Lange bevor der akademische Mainstream etwas mit dem Wort »Gender Studies« anfangen konnte, wurde in SPEX mit Michel Foucault und Judith Butler den vermeintlich natürlichen Geschlechtskonstrukten auf den Leib gerückt. Lange bevor es zu einem Allgemeinplatz wurde, dass Serien interessanter seien als Spielfilme, wurden in der SPEX »Buffy, the Vampire Slayer« oder »The Sopranos« gefeiert. Und lange, sehr lange bevor das Feuilleton auf die Idee kam, Zeitgeistprodukte wie Mode mit Sinn zu versehen, standen in der SPEX hermeneutische Essays über das weiße Herrenhemd oder gar so ephemere Dinge wie Parfüm.

Vor allem aber machte es die SPEX ihren Lesern nie bequem. Sie wurden zum Mitdenken gezwungen, dazu Position zu beziehen. Als nach der Wende sich der Neonazi-Mob formierte, war die SPEX eines der ersten Magazine, das begriff, dass von nun an Jugendkultur ihre Unschuld verloren hatte – schmückten sich doch die Nazis zum Teil mit genau jenen Zeichen subkultureller Opposition, von denen man eigentlich dachte, sie wären den Guten vorbehalten: etwa das Malcolm-X-Cap, die bunte Technohose, die wuschelige Grunge-Frisur. Aber was heißt es, wenn die Codes plötzlich so beliebig sind, dass auch der politische Feind sie nutzen kann? Hatten vielleicht doch die Altlinken recht? Und war – auch dies eine große Debatte in SPEX-Kreisen – die ganze Feier der Subkultur nicht sowieso spätestens ab dem Zeitpunkt obsolet geworden, als Musikindustrie, Werbung und Mainstream anfingen, genau diesen Gestus zu vermarkten? Mit Fragen wie diesen quälten die SPEX-Autoren ihre Leser – vor allem aber sich selbst.

»Auf einem scharlachroten Pfauenthron sitzt Marc Almond und rümpft die Nase. › My dear, hier reichen sie den Kaffee mit cream statt mit milk. Amüsieren tut mich das wenig.‹ Apathisch wedeln nackte Nubier-Sklaven mit Palmwedeln. Hin und wieder bringen schlanke, bleiche Caravaggio-Lausebengel neues Öl, um die Männer aus Afrika neu einzuölen.«
— Olaf Dante Marx über Marc Almond

Spätestens ab Mitte der neunziger Jahre war die SPEX nicht mehr alleine mit dem Deuten, Kritisieren und Vorführen von Pop. Andere Magazine drängten auf den Markt, sogar das Feuilleton begann zaghaft, sich der einst verfemten Unterhaltungskultur samt Subkulturen zu widmen. Die SPEX hatte kein Monopol mehr auf kluge Texte über Pop.
Auch wurde sie von einigen schweren Stürmen geschüttelt. Die alte Redaktion verließ im Streit das Blatt, es musste gespart und nochmals gespart werden. Und doch schaffte es die SPEX immer wieder, aus Pop das Interessante herauszukitzeln. Der ehemalige Chefredakteur Max Dax, der auch einer der Herausgeber des Buches »33 1⁄3 Jahre Pop« ist, zog aus der Fülle der Rezensionsmedien im Netz den einzig richtigen Schluss und richtete die SPEX wieder programmatisch intellektuell aus. Wer heute SPEX liest, weiß, dass es nicht nur etwa um die neue Platte von »The xx« geht, sondern dass nach wie vor versucht wird, Pop als gesellschaftliches Phänomen zu deuten, etwa indem man dem Bandnamen xx ein weiteres x hinzufügt und ein Schwerpunktheft über Sex und Pornographie macht (wozu der sehr intime Sound von The xx durchaus passt). Wer heute SPEX liest, weiß, dass nicht nur einzelne Songtexte analysiert werden, sondern dass, etwa in der Kolumne »Kunstsprache«, Künstler tatsächlich zu ihrer Poetologie, zu ihrem Masterplan und dem Verhältnis von Realität und Fiktion befragt werden.

Wie 1980, im Gründungsjahr der SPEX, gilt auch heute noch, dass Pop nicht nur einer der mächtigsten Emotionsgeneratoren ist, sondern noch immer Avantgarde gesellschaftlicher Entwicklungen. Oder besser, eine Art Monitor, auf dem sich bunt und grell abspielt, was sich im Rest der Gesellschaft erst langsam und diffus formt. Das lesen zu können, zu deuten und zu bewerten, war und ist die Kompetenz der SPEX.