Als 1929 beim Verlag Bruno Cassirer das Buch Mich hungert von Georg Fink erschien, war die Literaturkritik mehr als erstaunt: Niemand hatte je von diesem Autor gehört, der das proletarische Elend der Zeit um den Ersten Weltkrieg so drastisch beschrieb. Man wunderte sich über die »merkwürdige Begabung« dieses neuen Autors und lobte die »bezwingende Stärke« seines Buchs, seine »dichterische Kraft« und die »unheimliche Greifbarkeit« der dargestellten Armut. Nur der Unterhaltungsschriftsteller Kurt Münzer, der das Buch für die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung euphorisch besprochen hatte, schien Näheres über den Autor zu wissen. Am 26. Oktober 1929 notierte Münzer in sein Tagebuch:
»Vor über einem halben Jahr erschien bei einem Schriftsteller ein junger Mann. Er nannte sich Georg Fink und brachte das Manuskript eines Romans: seine Lebensgeschichte. Der Schriftsteller sollte damit machen, was er will, am besten, meinte Fink, wäre es, wenn er ihn unter seinem, des Schriftstellers eigenem Namen veröffentlichen würde. Er selbst wollte nichts mehr von ihm wissen und wollte nach Hollywood gehen, um ein Filmengagement anzunehmen. Seitdem hat man nichts von ihm gehört, doch ist anzunehmen, dass er tatsächlich in Hollywood unter fremdem Namen Kino spielt.«
Mich hungert ist so etwas wie ein Gegenstück zu Walter Benjamins Kindheit um 1900: Statt im reichen Westen Berlins spielt Finks Roman im proletarischen Milieu rund um den Schlesischen Bahnhof. Dort, wo die Gentrifizierung heute so weit ist, dass aus Langeweile am Überfluss Bäckereien Brot mit extra wenig Zutaten verkaufen oder Geschäfte selbst eingewecktes Obst und Gemüse und, wie in der »guten alten Zeit«, Salzheringe aus dem Fass verkaufen, kratzten vor gerade mal 100 Jahren die Kinder vor Hunger den Kalk von den Wänden der überfüllten Mietskasernen. Theodor (Teddy) König, ein Buchhalter Mitte 20, erzählt die Geschichte seiner Kindheit und Jugend von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis über diesen hinaus. Seine Erinnerung setzt ein an dem Tag, wo der Vater den Vierjährigen aus den Armen der Mutter reißt und ihn für sich betteln lässt. »Mich hungert«, soll er sagen, und sagt es von da an viele hundert Mal.
Eigentlich aber beginnt seine Geschichte viel früher, mit der Jugend der Mutter, der höheren jüdischen Tochter aus Schlesien, die mit einem wunderschönen Müllersburschen, einem Knecht der elterlichen Mühle, nach Berlin durchgebrannt war und dafür von ihren Eltern enterbt wurde. Als der Vater Theodor zum ersten Mal betteln schickt, hat sich der schöne Müllersbursche bereits in einen versoffenen und prügelnden Ehemann verwandelt; hat sich das romantische Märchen als bittere Sozialreportage entzaubert. Der Hunger der Armen ist das Leitmotiv dieses Romans, er ist die Konstante in einer Zeit rasanter politischer Umbrüche im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Egal unter wem und unter welchen Umständen, die Armen hungerten. »Nein, es gibt kein soziales Problem«, heißt es einmal, »sonst wäre es ja zu lösen.«
Und wenn Benjamin die Erfahrungslosigkeit dieser Zeit beklagt und die durch die rasanten technischen und medialen Veränderungen bedingte Unfähigkeit der Menschen bedauert, Erlebnisse weiterzugeben und Geschichten zu erzählen, so ist im Hinterhof der Jasmunder Straße nichts davon zu spüren. Dort, wo die Menschen aufgrund ihrer Armut von allem technischen Fortschritt ausgeschlossen sind, gehen die Geschichten niemals aus:
»Wir waren nicht mehr die Ärmsten hier in dem Hause der einunddreißig Parteien. Im Keller, unter uns, wohnte der Tischler Hinze, Witwer mit fünf Kindern, von zwei bis zehn. Er liebte alle und hätte keins fortgegeben, und alle hungerten, denn er hatte nicht viel und dann schlecht bezahlte Arbeit. Alle schliefen auf Kartoffelsäcken, in die Zeitungen gestopft waren. Er hatte ein Bett, aber das war an den Schlafburschen vermietet, der sich Mädchen mitbrachte. Nun, er zahlte zehn Mark. Und für zehn Mark – für zehn Mark gaben Knolls im vierten Stock ihre Fünfzehnjährige her. Es war ein offenes Geheimnis, dass Luischen in der Kneipe in der Oderbergerstraße, wo sie Gläser wusch, auch andere Obliegenheiten hatte. Aber sie brachte das Geld heim. Die Kutscherwitwe Gabeltau, die ihre Küche tagsüber an einen Mann vermietet hatte, der da ein Schwindelbüro betrieb und fortwährend Briefe mit Marken darin bekam – er inserierte irgendeine Lockgeschichte –, vermietete auch ihr Bett an einen Arbeiter aus den Elektrizitätswerken in der Voltastraße, der Nachtschicht hatte und morgens um halb sieben kam. Dann stieg sie aus dem Bett und er ins warme.«
Die Kindheit, die sich vor dieser Kulisse abspielt, ist getaktet von den Schlägen des betrunkenen Vaters, der dann und wann nach Hause kommt, um nach Geld zu suchen oder seinen Frust auszulassen, gleichzeitig aber grundiert von der mütterlichen Liebe. Um die Beziehung zur Mutter, um die Versuche, sie zu verstehen und ihr Leben einfacher zu machen, geht es in großen Teilen des Romans. »Wenn ein Jude von der Mutter spricht«, hat Münzer in seiner Rezension geschrieben, »wird es Choral.« Der Ich-Erzähler ist ein doppelt Fremder in dem Viertel zwischen Schlesischem Bahnhof und Gesundbrunnen: durch seine jüdische Herkunft, die weniger ihm als den ihn neckenden anderen Kindern bewusst ist, so wie durch die bürgerliche Herkunft seiner Mutter hat er genug Distanz zum Leben der Proletarier, um es lieben und beschreiben zu können – und um sich frei für dieses Leben zu entscheiden. Denn als sein Lehrer dem begabten Schüler den Kontakt zu einem reichen Fabrikanten vermittelt, der ihm den Besuch des Gymnasiums finanzieren will, schlägt Teddy das Angebot aus. Er fürchtet, die Liebe seiner Geschwister und die Zugehörigkeit zu seiner Mutter zu verlieren. »So ein Kind aus dem Volk«, heißt es, »hat früh soziales Bewusstsein, es weiß genau, wohin es gehört, was ihm gebührt. Es hat ein Standesgefühl.« Es ist klar, wieso Mich hungert eines der ersten Bücher war, das von den Nazis verbrannt wurde: Beides, die jüdischen Protagonisten und die linke Sympathie mit dem Proletariat, hätte schon für sich gereicht, um das Buch auf die schwarze Liste zu setzen.
Mich hungert ist aber viel mehr als nur Milieuschilderung, denn in den Geschichten der kleinen Leute aus dem Norden Berlins spiegelt sich die große Politik und Zeitgeschichte. Der heraufziehende Erste Weltkrieg, die Kriegsjahre und die Nachkriegszeit, die revolutionäre Stimmung in Berlin, die Inflation: all das wird aus der Perspektive und in Rückwirkung auf ein proletarisches Berliner Hinterhaus dargestellt. Der Roman ist Geschichte von unten. Einiges, was man über die Zeit zu wissen meinte, erscheint da plötzlich in einem ganz anderem Licht. Etwa der Topos von der »vaterlosen Gesellschaft« nach dem Ersten Weltkrieg. Was Soziologen als Verlusterfahrung einer ganzen Generation beschrieben haben, wird im Roman anders erzählt. Abwesend waren die Väter, die das Geld der Familie in den Kneipen versoffen, auch schon vor dem Krieg. Und als die Nachricht kommt, dass der Vater gefallen ist, spricht die Mutter nachts ein Dankgebet: »Was der lebende Vater uns Böses getan, machte der tote ein wenig wieder gut: Mutter bekam eine Unterstützung, eine feste Rente. Die Armen hatten esgut. Ihre Männer fielen: umso besser: es gab die Rente. Und die kam ins Haus und wurde nicht vertrunken und mit Straßenmädchen durchgebracht, die Gattinnen hatten bloß zu lachen, aber die Mütter zu weinen.«
Georg Fink ist übrigens doch nicht nach Hollywood gegangen. Viele Jahre später, als er bereits vor dem Nationalsozialismus ins Schweizer Exil geflüchtet war, hat Kurt Münzer das Geheimnis um die Autorschaft des Romans gelüftet: Georg Fink war ein Pseudonym, hinter dem niemand anderes steckte als er selbst. Mich hungert wurde mit 40.000 verkauften Exemplaren in zwei Jahren und Übersetzungen in 13 Sprachen sein größter Erfolg. Münzer selbst kam aus gehobenen jüdischen Verhältnissen, hat für sein Buch aber gründlich im proletarischen Milieu recherchiert. Und war nicht »das Volk« schon immer ein Stück weit eine Erfindung der oberen Klassen, von den Volksliedsammlungen der Romantiker über die Märchen der Gebrüder Grimm bis hin zu den Reality-Shows im heutigen Fernsehen? Im Roman heißt es einmal über die wohlhabende Familie der Mutter: »Damals gab es sozusagen kein Proletariat für die besitzende Klasse, man übersah es. Arbeiter waren Werkzeuge. Wer kennt den Hammer, mit dem er den Nagel einschlägt? Man kannte seinen Schuh, aber kaum noch den Schuster, dem man ihn verdankte.« Kurt Münzer hingegen hat sehr genau hingesehen, in die Kochtöpfe und Betten, die Hinterhöfe und Kellerwohnungen des Proletariats, an das im zunehmend luxussanierten Viertel um den Schlesischen Bahnhof bald nichts mehr erinnern wird.