2011 kam der Film »Blutzbrüdaz« von Regisseur Özgür Yildirim in die Kinos, der vom Aufstieg zweier Berliner Gangsterrapper erzählt, gespielt von den Berliner Gangster-Darstellern Sido und B-Tight. Die Beschwörung männlicher Ehre, die Ganovenmoral und die eher einfachen Träume der Helden wurden zum einen als authentische Selbstdarstellung der Berliner Gangstaz gefeiert, zum anderen belächelt. Und viele konnten ihr Unbehagen angesichts der Vitalität und Aggressivität dieser Subkultur nicht verhehlen … Was aber bei den Debatten über Neukölln oft vergessen wird: Junge Männer in Berlin ziehen nicht erst seit zehn Jahren durch die Straßen. Schon lange vor Hip-Hop und Gangster-Kult gab es die Blutzbrüdaz. Ernst Haffner beschreibt sie in seinem Buch »Blutsbrüder«.
Walde + Graf bei Metrolit legt den Roman, der in manchen Aspekten in unheimlicher Weise an unsere Gegenwart erinnert, nun wieder auf. Haffner berichtet aus einer Welt zwischen Wärmehalle und billigen Schlafquartieren, zwischen Kneipen und Bahnhofswartesälen, zwischen drohendem Gefängnis oder Einweisung in die Fürsorgeanstalt. Es ist die Welt der Arbeitslosen und Prostituierten, der Stricherjungen und Kleinkriminellen, die im Berlin der zweiten und dritten Hinterhöfe zu Hause sind.
Haffners Roman basiert auf eigener Anschauung, ist er doch aus seiner Arbeit als Journalist und Sozialhelfer hervorgegangen. Um die 50.000 erwerbslose Jugendliche hat es um 1930 in Berlin gegeben, darunter, so die damaligen Schätzungen, 15.000 obdachlose, meist aus Fürsorgeanstalten entlaufene Jungen, die sich in Cliquen zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam durchzuschlagen. Der Feuilletonist Siegfried Kracauer nannte Haffners Buch in der Frankfurter Zeitung eine »Roman-Reportage« und trifft damit das Besondere des Textes, der zwischen Milieuschilderung und Abenteuerroman changiert, genau: »Ich muss gestehen«, schreibt Kracauer, »dass ich selten Schilderungen des ›Milieus‹ gelesen habe, die so spannend geschrieben sind. Sie spiegeln unbekannte Zustände naturgetreu wider, beruhen spürbar auf eigener Anschauung und begnügen sich zum Glück nicht mit unzusammenhängenden Wirklichkeitsausschnitten, sondern bringen das hier und dort Erlebte auf den Nenner einer Fabel, die uns zwanglos durch das unterirdische Großstadtlabyrinth führt.«
Die Jugendclique »Blutsbrüder« führt einen Kampf ums Überleben, der wenig Heroisches hat. Es ist ein Abenteuerroman des modernen Großstadtelends. »Man liest es mit Gier und Spannung, wie man ehedem Räuber- und Indianergeschichten gelesen hat«, schrieb der Münchener Simplicissimus über das Buch, doch es sind »Prärien des Elends, durchstreift von Banden armer, verwahrloster Jungens auf der wilden Jagd nach einem Stück Bockwurst, und es ist eine Tapferkeit mit Beigeschmack, die immer wieder die Fesseln Fürsorge, Gefangenschaft, Hunger und Arbeitslosigkeit abzuschütteln versucht.«
Der Roman schildert Machtkämpfe innerhalb der Clique und Rivalitäten unter ihren Anführern, den »Cliquenbullen«, er beschreibt blutige Rachefeldzüge und dunkle Rituale des Zusammenlebens, doch der Kontrast zu den kleinen Freuden des Alltags, von denen der Roman auch erzählt, könnte nicht größer sein: Sie bestehen in einem Teller warmer Suppe, einem Sitzplatz in der Wärmehalle, genug Geld für Zigaretten oder einen Tag mit einem Mädchen auf dem Rummelplatz. Da wird eine Fahrt auf der Achse eines D-Zuges von Köln nach Berlin geschildert, die natürlich sofort an das Gegenwartsphänomen des S-Bahn-Surfens denken lässt und die doch anders nicht sein könnte, geschieht es doch nicht aus Nervenkitzel, sondern weil sich die Jugendlichen selbst Plätze in der Holzklasse nicht leisten konnten. Es sind Haffners präzise Beobachtungen, sein ungeschminkter Blick, der nichts auslässt und die Sympathie, die er seinen Figuren entgegenbringt, die dieses Buch zu einem Ereignis machen. Die »Blutsbrüder« sind das proletarische Gegenbild zu Erich Kästners »Emil und die Detektive«. Während diese nach bestandenem Abenteuer zum Abendbrot in die (klein-) bürgerlichen Wohnungen ihrer Eltern kehren, erwartet jene, wenn sie 50 Pfennig haben, ein feuchter Strohsack in einer Kellerabsteige. Emils Detektive stammen aus Wilmersdorf, die Blutsbrüder sind in Mitte zu Hause. West gegen Ost: Schon lange vor dem Bau der Mauer war Berlin gespalten in einen reichen West- und einen proletarischen Ostteil. Und in Haffners Roman wird klar, dass die Kluft zwischen Arm und Reich eine fast ebenso unüberwindliche Grenze darstellte wie später die Mauer. Einmal verschlägt es Ludwig und Wilhelm, die eigentlichen Helden des Romans, nach ihrem Ausstieg bei den Blutsbrüdern in den Westen: »Ihnen ist, als seien sie in einer fremden Stadt. Berlin. Das war für sie die ›Münze‹ und der Schlesische Bahnhof. Nie war ihnen der Einfall gekommen, einmal in den Berliner Westen zu gehen. Die grauen Straßen mit ihren ersten und zweiten und noch mehr Hinterhöfen, das war ihre Heimat. Hier sind sie, ja wirklich, hier sind sie in der Fremde. In einer reichen, heiteren Fremde, wie es den Anschein hat. Die Menschen haben alle funkelnagelneue Kleider an, als sei heute ein hoher Feiertag und nicht irgendein Mittwoch. Die Läden gleichen Palästen, in denen seine Majestät, der Kunde, gelangweilt nach irgendeiner kostbaren Kleinigkeit sucht. Und die Frauen. Die Damen. Jede, aber auch jede ist so reich gekleidet, riecht so gut, ist so schön. Selbst die kleinen Hunde, die die Damen an ihren Pelz drücken oder neben sich trotten haben, sind mit bunten schönen Decken bekleidet, haben glitzernde Halsbänder. Und ein Hund, ein Hündchen, winziges weißes Wollbündelchen, trug richtige kleine Lackstiefelchen an seinen vier Pfoten.« In dieser Welt werden Ludwig und Wilhelm nicht ausgegrenzt, nein schlimmer: Sie sind das Objekt der Begierde pelzbemäntelter Herren, die, »müde der gebadeten und siebenmal gesalbten Körper, flackern nach der weniger sauberen, aber derberen Kost der Proletarierjungen.« Die beiden sind, wie viele der obdachlosen Berliner Jugendlichen, der Hölle der Fürsorgeanstalten entlaufen, in denen Machtmissbrauch und schwarze Pädagogik an der Tagesordnung waren. Auch darin berührt der Roman die Gegenwart und die Diskussion über Missbrauchsfälle in Internaten. Schon in den 1920er Jahren waren die Missstände in den Erziehungsheimen ein großes Thema, nicht zuletzt, weil es mehrere Aufstände von Zöglingen gegeben hat, die bis zur Schließung ganzer Einrichtungen führten. Ohne Papiere aber haben Jungen wie Ludwig und Wilhelm keine Chance auf legale Arbeit – werden sie von der Polizei aufgegriffen, droht ihnen die Rücküberweisung in die Fürsorgeanstalt. Das einzige Ziel, das diese Jungen vor Augen haben, ist der 21. Geburtstag und damit der Eintritt in die Volljährigkeit, die sie der Zuständigkeit der Fürsorgeanstalten für immer entzieht.
Arbeitslose Jugendliche in Berlin
Haffners Buch erschien 1932. Die Volljährigkeit der Blutsbrüder fällt in eine völlig andere Zeit: die des Nazi-Terrors. Siegfried Kracauer schrieb in seiner Rezension, die Ende Oktober 1932 erschien: »Vielleicht gelingt es dem Buch Haffners, einige Kräfte zu mobilisieren, die dem Treiben der Verwahrlosten-Banden produktiv zu begegnen wissen. Aber man darf sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß eine durchgreifende Beseitigung des Kliquen-Wesens nur von der Besserung und Veränderung unserer allgemeinen Verhältnisse zu erwarten ist.« Rückblickend eine fatal unrealistische Hoffnung. Vier Monate nachdem Kracauer das geschrieben hatte, floh er mit seiner Frau vor den Nazis nach Paris. Was aus den Blutsbrüdern geworden ist? Zeitzeugen berichten, dass viele Mitglieder der wilden Cliquen in den Folterkellern der SA verschwunden sind. Auch unterhielten die Nationalsozialisten sogenannte »Verwahrlager«. Aber denkbar ist ebenso, dass einige von ihnen auf der anderen Seite, etwa in den Reihen der Schlägertrupps, eine neue Heimat gefunden haben.
Ihr Schicksal liegt ebenso im Dunkeln wie das Schicksal des Autors, Ernst Haffner. Über sein Leben ist bisher kaum mehr bekannt, als dass er in den 1920er und 1930er Jahren in Berlin gelebt hat. Langwierige in den 1980er Jahren gestellte Anfragen beim Bruno-Cassirer-Verlag, beim Bundesarchiv oder dem Staatlichen Notariat der ehemaligen DDR, ergaben nicht das Geringste und auch die 2012 wieder aufgenommenen Recherchen blieben bislang ohne Ergebnis.
Haffners Buch jedenfalls wurde 1938 von den Nationalsozialisten zu den »schädlichen und unerwünschten Büchern« gezählt, verboten und verbrannt. Wer Haffner liest, sieht die zeitgenössischen Debatten über die angeblich verrohte Jugend etwas entspannter. Wenn man so will: Berlin bleibt sich treu. Was sich gerade ändert, sind die Kieze: In Mitte und zwischen Alexanderplatz und Schlesischem Tor, wo die Blutsbrüder einst auf Jagd gingen, tobt jetzt die Gentrifizierung. Die Blutsbrüder von heute streifen durch die Straßen der Rollbergsiedlung, des Weddings und um das Neuköllner Rathaus.

Ben Becker im Interview über die »Blutsbrüder«