Sexualität heute, die Erste: Auf einmal scheint es keine Scham mehr zu geben. Nun, endlich, über 30 Jahre nach der sexuellen Revolution, deren süße Früchte in erster Linie die Männer genossen, ist es auch für Frauen möglich, ihre Lüste auszuleben. In dem US-Bestseller von Daniel Bergner What do Women Want? berichten weibliche Sexualforscherinnen davon, dass das weibliche Begehren, entgegen der landläufigen Meinung, eigentlich viel stärker sei als das männliche und dass Frauen einfach nicht für Monogamie gemacht seien. Dazu passt nur allzu gut die plötzliche mediale Allgegenwärtigkeit von Frauen, die sich offensiv als sexuelle Wesen inszenieren: von der Ex-Disney-Schauspielerin Miley Cyrus bis zur notorischen Sasha Grey, die als Pornostar groß wurde, die Branche mit ihren herausfordernd masochistischen Filmen revolutionierte und nun für ihr Romandebüt gefeiert wird. Natürlich: Neu ist es nicht, dass weibliche Stars sich über Sex inszenieren. Neu aber ist das selbstbewusste Auftreten, ja der Stolz, mit dem ein nichtgenormtes, abseitiges Begehren zur Schau gestellt wird. Das durften bisher nur Männer.
Sexualität heute, die Zweite: Eines der am meisten beachteten Verbrechen des Jahres fand in der amerikanischen Kleinstadt Steubenville statt. Zwei 16-jährige Schüler – da gute Footballspieler, der ganze Stolz ihrer Schule – fielen auf einer Party über eine betrunkene, bewusstlose 16-jährige Mitschülerin her und vergewaltigten sie. Verstörend war nicht nur das Verbrechen selbst, sondern vielmehr dessen Aufdeckung. Die jungen Männer waren sich derart wenig ihrer Schuld bewusst, dass sie Videos der Tat prahlerisch auf YouTube veröffentlichten. Noch irritierender war da nur die Reaktion einiger großer Medien, die in der Prozess-Berichterstattung nicht etwa das Opfer, sondern die Täter bedauerten, jene hoffnungsvollen jungen Männer, deren Leben nun zerstört sei.
Zwei Szenarien, die in seltsamer Spannung zueinander stehen. Auf der einen Seite der erotische Aufbruch, das neue Selbstbewusstsein junger Frauen in den Metropolen des Westens (denn dass dieses Phänomen nur da und nicht etwa in der arabischen Welt gedeiht, muss nicht extra erklärt werden). Auf der anderen Seite das Steubenville-Ereignis, das notwendigerweise kulturkritische Fragen nach sich zieht: Wie kam es, dass die Jungen das, was sie taten, nicht als Vergewaltigung, also als Verbrechen erkannten? Hat es damit zu tun, dass sie das in Hunderten Pornos nicht anders gelernt haben? Und was bedeutet dann der unheimliche Boom der Pornografie, ihre mediale Omnipräsenz? Und woher rührt der Reflex der Öffentlichkeit, die Jungen in Schutz zu nehmen und dem Mädchen, indirekt oder direkt, die Schuld zu geben? Wurde da vielleicht eine Rechnung beglichen mit jenen Frauen, die selbstbewusst – auch in einer neuen Form von Pornografie – ihren Körper für sich reklamieren? Ist die Sexualität im Jahr 2013 nun freier, weniger zwanghaft alsvor 20 Jahren? Oder spielen sich die sexuellen Liberalisierungen nur im Überbau der Medien ab, während die sexuelle Realität völlig anders aussieht? Das sind Fragen, die nicht leicht beantwortet werden können. Eine Sache kann man auf jeden Fall sagen: Angesichts ihrer Widersprüchlichkeit ist Sexualität auch im Jahr 2014 genau das, als was sie Freud vor über hundert Jahren beschrieben hat: ein Rätsel, ein erklärungsbedürftiges Problem.
Genau unter dieser Perspektive schreibt Tamara Faith Berger über Sex. Auf den ersten Blick reiht sie sich ein in die Riege der neuen Sex-Autorinnen wie Sasha Grey oder E. L. James (Shades of Grey). Die Kanadierin Berger kommt aus der »Branche«, schrieb moderne Klassiker der Pornografie, über die etwa das Vice-Magazin frohlockte: »Diese fantastischen Fremdgeh-, Gang-Bang- und Blowjob-Märchen sind in einem Stream-of-Conciousness-Style geschrieben, der einen alle zwanzig Seiten zur Selbstbefriedigung nötigt …« Während die »sexpositiven« Autorinnen aber ein durchaus erfreuliches Bild der neuen Libertinage zeichnen – Shades of Grey ist eine moderne Love-Story, der durch die bittersüßen SM-Spielchen eine gewisse Würze verliehen werden soll, und Sasha Greys Credo ist: Starke Frauen (also sie) lassen sich durch nichts unterkriegen, erst recht nicht durch Gang-Bang-Pornografie –, betrachtet Berger das Phänomen analytisch. Auf der einen Seite gesteht sie zu: »Natürlich, die neue Pornografie stellt Frauen heute ein sehr viel weiteres Spektrum an sexuellen Rollenmodellen zur Verfügung als noch vor 10 Jahren.« In der alten Pornografie waren Frauen devot und dumm: ein Sextoy. Nun sind sie, zumindest in manchen Porno-Spielarten, Subjekte, dürfen eine aktive Rolle spielen, unterlaufen zum Teil offensiv die (optischen und inhaltlichen) Vorgaben der Branche. Auch die Möglichkeit, dass eine halbwegs bekannte Künstlerin wie Peaches sich sexuell derart nonkonform in Szene setzt, begrüßt Berger natürlich.
Auf der anderen Seite geht ihr eines nicht aus dem Kopf: »Unsere Gesellschaft braucht Gleichheit, das ist klar. Aber im Bett herrschen andere Regeln als auf der Straße. Auf sexuellem Gebiet fasziniert uns die Idee des Machtgefälles, des Ausgeliefertseins.« Sie bezieht sich dabei auf eine der Klassikerinnen des amerikanischen Feminismus, auf Susan Brownmiller, die 1971 eine Studie zum Thema Rape-Culture schrieb. Brownmiller verurteilte als Radikalfeministin natürlich jede Form sexueller Machtausübung, schrieb aber auch, dass viele Frauen nun mal masochistische Sexfantasien hätten. Werden diese – aus verständlichen Gründen – zurückgewiesen, laufen die Frauen Gefahr, gar keine sexuellen Fantasien mehr zu haben. Und damit auch kein Sexualleben. All diese Überlegungen fließen in Bergers neues Buch Pussy ein: ihr bisher theoretischstes, aber auch radikalstes. Es ist eine Modellkonstellation, die hier durchdekliniert wird: Alle Arten gesellschaftlicher Machtgefälle werden in eine sexuelle Beziehung eingespeist: arm vs. (halbwegs) wohlhabend, schwarz vs. weiß, Mann vs. Frau, alt vs. jung.
Der Roman arbeitet mit einem zunächst einfachen Trick: Er überträgt einen typischen Porno-Plot in das reale Leben. Ein Planspiel, bei dem schnell Tabus gebrochen werden. Die 17-jährige Myra, die bis dahin ein recht behütetes Leben in Toronto geführt hat, lernt den doppelt so alten Elijah kennen. Der ist schwarz, kommt aus Tansania – und dreht mit seiner Frau, einer gewalttätigen, unangenehmen Person, Pornofilme. Myra kann sich ihrer Faszination für Elijah nicht erwehren – und begibt sich freiwillig in eine unheimliche Welt, die von Sex, Demütigung und Pornografie geprägt ist. Gesellschaftliche, politische und sexuelle Machtgefüge verwirren sich zu einem dichten Gespinst, in dessen Zentrum das rätselhafte Begehren Myras steht, die als modernes, aufgeklärtes Mädchen alles andere als eine devote Gender-Rolle spielen möchte, ihre Gefühle aber ehrlich und nüchtern zur Kenntnis nimmt.
Was Bergers Studie auszeichnet: Sie gibt keine einfachen Antworten, sie kartografiert das sexuelle Feld. Weder kann sie beantworten, was der allgemeine Boom der Pornografie, die pornografische Durchdringung der öffentlichen Sphäre denn nun zu bedeuten habe, noch kann sie mit Verhaltensregeln für die Frauen von heute dienen. Sie stellt eher deren Probleme aus. Eine feministische Theoretikerin lässt sie im Roman erklären: »Manche Typen haben nicht die Größe, überhaupt jemals zu erkennen, dass die Frau, mit der sie zusammen sind, auch Sex ohne Erlaubnis hat. Männer wissen einfach nicht, wie sie mit der Tatsache umgehen sollen, dass eine Frau frei ist, dass sie ein unabhängiges Leben lebt und eine unabhängige Vergangenheit hat und dass ihre aktuellen Probleme gar nicht unbedingt gelöst werden müssen. Männer sind Problemlöser, und Frauenprobleme sind nicht lösbar. Frauen leben für ihre Probleme.«
Das alles ist schockierend, ein dunkles Gegenstück zu den modernen Sex-Märchen wie Shades of Grey. Dass Berger auch eine Meisterin der erotischen Beschreibung ist, dass ihr Roman also nicht nur von Pornos handelt, sondern selbst pornografisch ist, macht die Sache nur noch brisanter. Vor allem aber zeigt Bergers Buch eines, und das bringt die Autorin knapp auf den Punkt: »Auch wenn Sexualität in den letzten Jahren liberalisiert wurde, wenn wir alle ein ziemlich abgeklärtes Verhältnis dazu haben – im Grunde beschämt und verängstigt sie die Menschen genauso, wie sie es immer getan hat.«