Das Gefühl kennt jeder: Man steht vor einer fremden Wohnung, weil man als Bote oder Pizzafahrer arbeitet, vielleicht auch nur, weil man sich Eier borgen muss, die Türe geht auf – und man glotzt hinein, vorbei an der Person, die da steht. Klar, das ist unverschämt. Aber eben auch so verdammt interessant.
Eine fremde Wohnung ist mit einem offen liegen gelassenen Tagebuch vergleichbar – wie dieses gewährt sie einen intimen Einblick. Die Autorin und Künstlerin Naomi Schenck konnte diesem Reiz nicht widerstehen. Ihre Arbeit als Bühnenbildnerin für Filme führte sie in viele Wohnungen.
Sie machte Fotos – und irgendwann kam sie auf die Idee, die Bewohner in kurzen Texten zu porträtieren. Daraus wurde ein Langzeitprojekt, bei dem es generell um alle Wohnungen geht, in die Schenck – beruflich oder privat – kommt. Es sind Schnappschüsse, die Erstaunliches offenbaren: Etwa die Geschichte des alleinerziehenden Vaters, dessen Leben ständig zu entgleisen droht. Oder die verrückte Story einer vergessenen Urne, die über Umwege in eine prachtvolle venezianische Wohnung gelangt ist. Gerade die Abwesenheit von Menschen auf den Bildern korrespondiert perfekt mit den so vertraulichen Geschichten. Diese füllen die leeren Räume quasi aus. Die Stärke von Schencks Texten aber besteht darin, dass diese nur auf den ersten Blick voyeuristisch sind. Der Voyeur zieht bekanntlich seine Lust daraus, verborgen zu bleiben. Nicht so Schenck: Sie interagiert mit den Bewohnern, entlockt ihnen auch deshalb ihre Geheimnisse, weil sie sich selbst in die Waagschale wirft. Etwa in folgendem Text.

Ridgeview, London
Ich hatte die Frage nur so gestellt. Zum Spaß, und weil sie mir leicht über die Lippen ging. Doch er kam immer wieder darauf zurück, und nach zwei Gläsern des englischen Schaumweins »Ridgeview« gab ich tatsächlich nach und ließ zu, dass der schlaksige Mann im Westernshirt, der sich Bertie nannte, meinen Koffer durch North Kensington zog. Die Rollen auf dem Kopfsteinpflaster verursachten erheblichen Lärm, und das um eine Zeit, in der nur noch in wenigen Häusern Licht brannte. Es schien ihn nicht zu kümmern. Erst als wir in eine schmale Straße abbogen, bemühte er sich, leiser zu sein, und trug den Koffer sogar. Er wirkte jetzt ein wenig angespannt. Als wir vor einem dreistöckigen Stadthaus stehen blieben, kramte er seinen Schlüsselbund hervor und sagte, er müsse mich jetzt durch den Dienstboteneingang einschleusen. Ich glaubte an einen Scherz, aber musste feststellen, dass Bertie für ernstgemeinte Aussagen denselben Tonfall benutzte wie für die vielen kleinen Witze und ironischen Bemerkungen, die mich den ganzen Abend lang unterhalten hatten. Ein paar ausgetretene Stufen führten hinab zu einer grünlackierten Holztür. Bertie musste seinen Kopf einziehen; er ließ mich vorgehen durch einen schmalen Gang mit weißverputzter Ziegelmauer und einer schwachen, gelblichen Deckenbeleuchtung. Immerhin war gut geheizt. Er führte mich in ein freundliches Souterrain mit Sisalteppich und vielen Bildern, einem alten Schreibtisch und einem großen Bett. Ich schaute mir das Porträt eines jungen Mädchens an. Seine Großmutter aus Sussex, wie ich erfuhr. Dann gab es noch Uncle Bennetts Blaskapelle und einen gerahmten Stadtplan von Timbuktu. Am größten war ein Gemälde im Comicstil, das eine vierköpfige Familie zeigte. Bertie war gut zu erkennen mit seinen Knopfaugen und dem immer etwas erstaunten Ausdruck; seine Söhne sahen ihm offenbar ähnlich. Er schaute zur Seite. »The other three are upstairs?«, fragte ich nach einer Weile. Bertie legte den Kopf schief, als müsse er überlegen. »Well yes. Why, you’re right, they must be asleep by now.« Er zeigte mir, wo das Bad war und gab mir zwei karierte Handtücher. Dann ging er über eine mit Teppich ausgelegte Holztreppe nach oben, um eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank zu holen. Ich machte es mir in seinem Bett gemütlich, genoss die frische, gestreifte Bettwäsche und wurde sehr schnell sehr müde. Ich schaffte es gerade noch, ihn auf seine drei identischen Wecker anzusprechen, die nebeneinander auf seinem Nachtschränkchen standen. »Damit du dein Flugzeug nicht verpasst«, sagte er, »für den Fall, dass du morgen früh ein Flugzeug nehmen musst.« Er leerte sein Glas Wein in zwei Zügen und legte sich neben mich. Und als er vorm Schlafen noch einmal den Kopf hob und fragte: »Do you mind if I wake up in the middle of the night and fuck you?«, hatte ich nichts dagegen.