Adam Wilson zeichnet den Cyberloser schonungslos und doch liebevoll. Sein Bademantel ist das Gegen(kleidungs)stück zum Superheldenkostüm. Das rote, gelbe, knallbunte Cape von Superman und Co. ist ein Zeichen für die Energie und Geschwindigkeit der Kämpfer für das Gute. Männer aber, die sich außerhalb der Nasszelle oder des Spa in einem Bademantel blicken lassen, gelten spätestens seit »The Big Lebowski« als Verlierer und Slacker, denen es zu anstrengend ist, ein Versprechen einzuhalten oder morgens eine Hose anzuziehen. Eliah Schwartz, 20 Jahre / Body Mass Index 25 + / Kontostand: (–), ist so ein Typ, der oft im überdimensionierten Frottee-Airbag durch die Vorstadt radelt und ein ranziges Phlegma ausstrahlt. Eli nimmt zu viele Drogen, kennt zu wenige Menschen und ist mit den Figuren auf Flachbildschirm per Du, den Soap-opera-Aphoristikern und Facebook-Feinden.

Die einzelnen Dimensionen der Hölle:

Familie
»Sah Dad selten. Dachte, er würde irgendwann in mein Zimmer kommen, sich setzen, mir die Hand auf die Schulter legen. Eine ganze Zeit lang stumm verharren. Dann sprechen, langsam, präzise, als hätte er die Rede seit Jahren geplant. Keine Ahnung, was er sagen würde – so weit reichte meine Fantasie nicht –, hoffte aber, er würde irgendwas sagen. Oder sich wenigstens hinsetzen, ein paar Worte stammeln, wieder rausgehen. Doch er kam von der Arbeit nach Hause, aß zu Abend und zog sich in sein Schlafzimmer an seinen persönlichen Flachbildschirm zurück.«

Drogen
»In manchen Nächten – high, Augen geschlossen, keine Musik, konzentriert auf betriebsames Rauschen: Trockner, Spülmaschine, Abflussrohre – dehnt sich mein Schädel aus, verwandelt sich in einen gewaltigen Plasmaschirm, breit wie ein Football-Feld, groß wie ein McAnwesen, superhochauflösend, brillant, drahtlos, flimmerfrei, mit Engelsflügeln für das richtige Wetter, Planeten stehen richtig, es ist an der Zeit, aufzusteigen wie ein Drache, durch die Wolken in die Atmosphäre, in die Umlaufbahn, aus der Umlaufbahn ins Weltall, zur Sonne hin, Körper noch angeschlossen, Beine schweben hinterher wie Verlängerungskabel, ausgesteckt.«

Sex
»Sex war langsam. Gedanken zu schnell, analysierten jedes Stöhnen und die kleinste Bewegung. War das ein ›AAH!‹ oder ein ›ups?‹, und warum zog ihre Hand meine Hand über den BH, unters Kinn, Musik zu laut?, wessen Bein war …«

Pop
»Worin ich einem Rapper ähnle: Abwesender Vater / Schusswunde / verbale Schärfe / begrenzte Bildung / steh auf Ärsche.«

Karriere
»Schloss die Highschool ab. Statt ins College rutschte ich tief in meinen Kellerabgrund. Sah monatelang fern, im Halbdämmer, mehrte mein Wissen in Dingen, die ich in der Schule versäumt hatte.«

Unterhaltung
» … ich schaute allein auf Laptop, Desktop, Flachbildschirm. Von meinem bequemen Sofa aus kommunizierte ich mit der Welt, verleugnete die Echtzeit, wie ein Anthropologe, der versucht, einen fernen ausgerotteten Stamm zu erforschen und sich fragt, was schiefgelaufen ist.«

Soziale Medien
»Mann, E., du bist berühmt.«
»Ja. Dein Video ist bei YouTube auf zehn geklettert.«
»Welches Video?«
»Typ fällt auf Football-Feld in Ohnmacht. Kriegt einen Ständer, kriegt Standing Ovations.«
»Scheiße.«
»Du solltest begeistert sein. Die Tussen sind verrückt nach Berühmtheiten.«

Essen
» … schaute Food Network, verinnerlichte Sous-Vide-Verfahren, Messerpflegetipps, Rezepte mit seltenen Früchten und zwölf Stunden Lebenszeit. Sah mich selbst in Iron Chef … die ganze Welt sah zu, beeindruckt, wie geschickt ich das Messer führte, verblüfft, wie empfindlich mein Gaumen war, wie raffiniert ich präsentierte, welch ungewöhnliche Paarungen ich zu Gabeln voll Ekstase verschmelzen konnte … Diese Fantasie – die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte – war niederschmetternd.«

Alltag
»Putzte die Küche, saugte den Teppich im Fernsehzimmer, wusch meine Bettwäsche. Ich war Experte im Wäschewaschen geworden … Meine Pflicht war es jetzt, mich mit der Waschmaschine vertraut zu machen, ihre Knöpfe und Empfindlichkeiten zu begreifen, wie ein Onkel, der lernen muss, eine verwaiste und schließlich adoptierte Nichte zu verstehen (Uncle Fun, Disney, 1997). (…) Als es Mittag war, roch das Haus nach Chemie.«

Mode
» (…) War seit der achten Klasse nicht mehr Klamotten kaufen gewesen, als es cool war, in der Mall nach Mädchen Ausschau zu halten, und danach dauerte es nicht mehr lange, bis ich beschloss, dass es noch cooler war, sich in den Wäldern zu bekiffen, ohne irgendwelche Mädchen zwei Meilen im Umkreis.«