Was wirkt heute, in Zeiten von Bluescreen und immer realer wirkender 3D-Animation, altmodischer als die grobe 8-BitÄsthetik aus den frühen Tagen des »Heimcomputers«? Genau diesen Anachronismus nutzt der Grafiker Henning Wagenbreth für seine Plastic-Dog-Kurzcomics – und er befeuert ihn noch. Zuerst erschienen die Comic Strips im Jahr 2003 in der Printausgabe der ZEIT . Die Ästhetik erinnerte jedoch an Computerspiele aus den mittleren 80er Jahren: kantige Figuren vor perspektivlosem Hintergrund. Doch damit nicht genug: Die Geschichte spielt in der Zukunft. Es sind fantastisch- dystopische Großstadtszenarien (die nie so lustvoll gezeichnet wurden wie in den 80er Jahren, man denke an »Blade Runner« und »Mad Max«), durch die die Hauptfigur, der abgeklärte Plastic Dog, schlendert und dabei die absurdesten Abenteuer erlebt. Plastic Dog ist der digitale Widergänger des mythischen Hundes Kerberos, der das Tor zur Unterwelt bewacht. Wie dieser bewegt sich Plastic Dog in Grenzbereichen: Er ist halb Mensch, halb Tier, halb Fleisch, halb PVC. Teil des in sich verschachtelten Retrofuturismus von »Plastic Dog« war, dass das Konzept der Comics damals tatsächlich brandneu war: Sie waren konzipiert für »Taschencomputer« und konnten auch per Infrarotschnittstelle (für die jüngeren Leser: eine inzwischen wieder ausgestorbene Übertragungstechnik für Smartphones) geteilt werden. Zeichner Henning Wagenbreth war da schon alles andere als ein Unbekannter. Aufgewachsen und ausgebildet in der DDR, ist er seit 1994 Professor für Illustration an der Berliner Universität der Künste – bekannt wurde er mit seinen Plakaten, seinen wunderschönen Briefmarken und Buchillustrationen. In »Plastic Dog« ist all sein Schaffen konzentriert: Wie kein zweiter Illustrator hierzulande arbeitet Wagenbreth an einer Verschränkung von Typografie und Grafik. Die Faszination, die von diesen düster-bunten Bildergeschichten ausgeht, ist tatsächlich rätselhaft. Vielleicht wirkt der Retrofuturismus von »Plastic Dog« auch deshalb fast heimelig, weil er an eine Zeit erinnert, in der Wirklichkeit und Fiktion – zumindest optisch – noch deutlich zu unterscheiden waren.