Mary Gaitskill, die große amerikanische Autorin mit dem kühlen Blick auf das Rätselhafte des Menschseins, deren Kurzgeschichte »Secretary« Vorlage für den gleichnamigen SM-Liebesfilm mit Maggie Gyllenhaal war, sagte einmal: »Romantik kann ziemlich scheußlich sein. Man kann etwas bis zu einer grotesken Verzerrung romantisieren, so weit, dass es ekelhaft wird. Natürlich kann es auch schöne Aspekte für die romantisierende Person geben, aber meistens wird es übertrieben. Wenn man etwas idealisiert, überhöht man die guten Dinge, aber das andere Zeug verschwindet nicht, man blockt es ab, und irgendwann tritt es dir trotzdem in den Arsch.«
Eine trockene Betrachtung, die auch von einer der Figuren Mary Millers stammen könnte. Liebe ist nie bedingungslos, das Leben voller Abgründe. Gaitskill schrieb von Männern, die ihrer Sitznachbarin im Flugzeug von Massenvergewaltigungen vorschwärmen, und von Frauen, die von Erniedrigung träumen und den Versprechen der Welt ernüchtert gegenüberstehen.
Mary Miller steht in dieser Tradition amerikanischer Frauenliteratur, zu der neben Mary Gaitskill auch Beth Nugent gehört, deren mittlerweile vergriffener Roman »City of Boys« Millers Lieblingsbuch ist. Über sie sagt Miller: »Ich verehre Nugent aus mehreren Gründen. Ihre Texte sind gleichzeitig abstrakt und präzise; sie haben eine ätherische, zeitlose Qualität. Sie schreibt über isolierte Charaktere, und als ich sie das erste Mal las, fühlte ich mich sehr allein. Das verband mich mit ihr.«
Nugents und auch Millers Figuren sind Menschen, die sich nach familiärer Wärme sehnen – aber unter der Oberfläche immer etwas Faulendes finden. Ihre Texte folgen einer Spielart von Literatur, die das Magazin Granta Anfang der 80er Jahre »Dirty Realism« nannte. Literatur, die »subtil, ironisch, manchmal grausam und sehr eindringlich« von den Untiefen der menschlichen Existenz berichtet.
In Mary Millers Roman »Süßer König Jesus« fahren zwei Schwestern, die eine 14 und von der ersten Liebe träumend, die andere 17 und heimlich schwanger, mit ihren katholischen Fundamentalisten-Eltern dem angeblich drohenden Weltuntergang entgegen. Kalifornien ist der Sehnsuchtsort für die Apokalypse, die natürlich nicht eintritt, was aber nicht heißt, dass es in dieser Geschichte kein Verderben gibt. Denn die Familie ist tief gespalten. Auf der einen Seite die bigotten Eltern, auf der anderen zwei Lolitas mit Sonnenbrillen und erwachender Lust auf sexuelle Zügellosigkeit. Die Mutter versucht mit Gebeten gegen die Rebellion ihrer Töchter anzukämpfen, die sich aber vor der Strafe Gottes nicht fürchten. Elise, die Ältere, verschwindet mit Männern und kehrt wieder zurück, als sei nichts gewesen. Jessie, die Erzählerin, schwelgt in Tagträumen von einem Jungen, der sie liebt. Sie ist aber so klug wie Mary Gaitskill und weiß, dass Romantik nur ein schales Versprechen ist. Die jungen Frauen glauben nicht an ein gutes Ende und sind trotzdem zuversichtlich, denn sie finden sich in der White-Trash-Welt, die sie umgibt, zurecht. »Du musst sie ignorieren, um sie nicht zu ermutigen«, sagt Elise über ihren Umgang mit Männern. Wenn man einmal erkannt hat, dass das Leben und die Leute böse sind und kaum Raum für Geborgenheit bieten, passt man sich an, verschwendet keine Gefühle mehr. Es lebt sich dann unbeschwerter, gleichgültiger, vor allem Männern gegenüber, dievon Mary Millers Frauen für ihre Zwecke benutzt werden, mit denen sie aber kein gemeinsames Leben mehr planen. Mary Miller sagt, dass die Männer in ihren Geschichten »unerreichbar, abartig und klischeehaft« sind, und sie fügt an: »Ich liebe viele Männer: meinen Vater, meinen Bruder, meinen Freund, meinen Exmann. Ich bin keine Männerhasserin. Meine Geschichten widersprechen dem aber. Denn mir ist auch bewusst, dass Männer Angst in die Welt bringen. Frauen fürchten sich vor ihnen und das aus gutem Grund: Männer gehen in Lebensmittelläden und töten die Angestellten, sie vergewaltigen uns, laufen Amok und erschießen Kinobesucher. Sie machen so viele schreckliche Dinge, die Frauen einfach nicht tun. Ich habe nie Angst, wenn eine Frau nachts hinter mir läuft.«
Es gibt keine Mr. Rights in Millers Geschichten, nur Mr. Wrongs, mit denen man aber auch um des Spaßes willen, halbgaren Pornosex haben kann. Der Sound der 35-Jährigen ist hart, schonungslos, reflektiert, nie wertend und erinnert in Ästhetik und Milieu an die Filme von Harmony Korine, die die Halbwelt und das Kaputte feiern. Doch im Gegensatz zu Korines Teenager-Mädchen in seinem letzten Film »Spring Breakers« wären Elise und Jessie zu unsicher, um eine marodierende, raubende Girls-Gang zu bilden. Es liegt nahe, Mary Miller zeitdiagnostisch zu lesen. Wir leben in einer Welt der Krisen, viele werden ärmer, wenige reich, der »pursuit of happiness« ist zur Flucht vor der Zukunft in die Ziellosigkeit geworden, vor der uns auch die Liebe nicht bewahren kann. Die Neurosen der Gegenwart speisen sich aus klassischen First World Problems (»Reicht das Geld aus den prekären Jobs für die begehrten Markenklamotten? «) und Sex ist keine Erfüllung und schon gar keine Rebellion mehr, sondern ein glückloses Rumgereibe, dem die Differenz zum Hochglanzsex doch immer bitter eingeschrieben ist. Ganz so, wie es in Lena Dunhams HBO-Erfolgsserie »Girls« nachzusehen und in Ansätzen auch bei Mary Miller nachzulesen ist. Doch letztendlich geht es bei Mary Miller um viel mehr: Ihre Geschichten sind abgekoppelt von der Zeit, in der sie spielen – denn sie behandeln ohne Milde eine schmerzliche, immerwährende Frage des Menschen: »Verdammt, ich bin allein. Wie stelle ich die Verbindung her?« Miller wühlt tief im Seelenleben ihrer Figuren, sie schreibt direkt über die Schmerzen und ja, auch über die Freuden des Lebens. Es ist hellsichtige Literatur, bei der man nickt, wenn man sie liest: Ja, so ist es. Sie macht sich frei von allen Zuschreibungen, aber versteckt nicht die Perspektive, mit der sie verfasst wurde. Es sind die Erkenntnisse einer Frau, die keine Angst hat, sich zu öffnen, um die dunkelsten Begierden zu offenbaren. Denn nichts ist, wie es scheint.

David Kramer, My People

David Kramer wurde 1963 geboren und wuchs überwiegend auf einer Insel an der Mündung des Hudson River auf. Von New York aus macht Kramer Witzeleien über die seiner Meinung nach offensichtliche Unmöglichkeit des Amerikanischen Traums. Und so blickt Kramer optimistisch gen Westen und sehnt sich nach dem Hollywood-Happy-End, das alle Probleme löst und alle Wünsche erfüllt – wenigstens für ein, zwei flüchtige Momente. Kramer ist einer der Lieblingskünstler von Mary Miller. Seine Bilder sind von einem ähnlichen Gefühl geprägt wie Millers Texte.