Stefan Weber mixt sich einen besonderen Drink: ein Glas Wasser. Und hinein wirft er eine sprudelnde Tablette. Er ist erkältet. Es ist später Nachmittag, die Victoria Bar ist noch geschlossen, und für Weber beginnt der Arbeitstag. Um halb sieben macht er die Bar auf. Vorher können wir reden, danach nicht. Und da sind wir schon im Thema: Was ist das für ein Job, den er da macht, Barkeeper? Redet er da nicht eh die ganze Zeit? Weber holt Luft, so tief es geht, wenn man keine bekommt, und sagt: Ein Barmann sei »Kellner und Koch« zugleich. Er bereite die Drinks zu, das Handwerkszeug dafür sei aber nicht »das allerkomplizierteste«: Man brauche eine geschmackliche Sensorik, um einschätzen zu können, welche Zutaten gut seien. Vor allem aber müsse der Barmann »schauen, was im Lokal geschieht«. Die Erklärung, was das bedeutet, nimmt im Gespräch mehr Zeit ein als das Gespräch über Drinks; es scheint ihm wichtig. »Unter 40 kann man gar kein richtig guter Barmann sein«, sagt er. »Man braucht soziale Autorität, die hat man vorher nicht.« Und, auch das erwähnt er, eine gute Allgemeinbildung: »Man muss nicht nur übers Wetter reden können.« Weber vermittelt so innerhalb einer Stunde ein Bild des Barmanns, das aus den Bestandteilen Kosmopolit, Schöngeist und urbanem Schamanen besteht. Man kann hinterher nicht anders, als zu sagen: Okay, im nächsten Leben also Barmann. Wobei »Barmann« nicht die richtige Berufsbezeichnung ist: Die Victoria Bar betreibt Weber, vom Restaurantführer Gault Millau 2001 zum »Barkeeper des Jahres« ernannt, mit seinen Geschäftspartnerinnen Kerstin Ehmer und Beate Hindermann. Letztere verfassten Die Schule der Trunkenheit. Eine kurze Geschichte des gepflegten Genießens, das Buch, das auf den Trinkseminaren in der Victoria Bar beruht.
Barmann, Barfrau, das ist natürlich egal – Hauptsache, man versteht was davon, wie man sich zivilisiert berauscht. Genau davon handelt das Buch, das in sieben Semestern in Wodka, Whiskey, Rum, Gin, Tequila, Brandy und Champagner einführt und dabei nicht bei Rezepttipps stehen bleibt.
In einem Absatz ist man vom Schamanismus beim Techno, vom Ethnologen Jean Rouch bei Martin Kippenberger. »Auch Martin Kippenberger hätte hier gesessen, getrunken und Kunst produziert«, behauptet etwa im Vorwort des Buches der Filmemacher Pepe Danquart. Dieses Hier, die legendäre Victoria Bar, befindet sich in der viel befahrenen Potsdamer Straße und sieht von außen unscheinbar aus, unauffälliger als etwa die Münchner Schumann’s Bar, deren Status man schon an der Lage zwischen Oper und Universität erkennt. Die Potsdamer Straße, in der die Bar 2001 eröffnete, ist dagegen deutlich berlinerisch: Das Abgerockte und das Neuhochgezogene sind hier direkte Nachbarn. Das Innere der Bar ist geprägt vom Contemporary Style der 40er bis 60er Jahre. Es gibt Ledermöbel und viel dunkles Holz, auch an den Wänden, an denen ausgewählte Kunst hängt. Das gepflegte Äußere nennt Weber als Kennzeichen guter, also »richtiger« Bars, er betont aber immer wieder vor allem ein anderes: die »Verbindung von Rausch und Intellekt«. »Das leicht intellektuell angehauchte Cocktailtrinken war in den Achtzigern«, als er Barmann wurde, »so gut wie ausgestorben «, sagt Stefan Weber. Er hat die Wiederbelebung der Bar als Ort des »Pleasure of serious drinking« im vergangenen Jahrzehnt miterlebt und -betrieben. Die Idee des intellektgetriebenen Trinkens ist es auch, die das Team um Weber und Hindermann zur Einrichtung der »Schule der Trunkenheit« bewogen haben. An ausgewählten Sonntagen vermitteln sie hier eine Idee der Trinkerei, die berauscht, aber nicht blöd macht.
Und dann wäre da noch etwas, das zu einer richtigen Bar dazugehört: Distinktion. Stefan Weber, ein freundlicher Gesprächspartner, zeigt sein diesbezügliches Können, als man ihn um Anekdoten aus dem Barleben bittet. Komische Frage, klar, und man sagt vorbeugend, »ja, das ist jetzt schon so eine Markus-Lanz-Frage«. Und er darauf: »Den hab’ ich noch nie gesehen.« Genau dieser Abstand zum Restleben da draußen macht eine richtige Bar aus.