Es ist eines der großen Pop-Paradoxe: Ganz am Ende, an diesem Sonntag im Mai 1980, als der 23-jährige Ian Curtis sich entschied, erst »The Idiot« von David Bowie auf den Plattenteller und dann sich selbst eine Schlinge um den Hals zu legen, als er also entschied, sein Leben und damit die Existenz seiner Band Joy Division zu beenden, geschah genau das Gegenteil: Ian Curtis wurde unsterblich, eine Ikone. Und Joy Division zu einer der wenigen Bands, deren Strahlkraft bis in die Gegenwart nichts eingebüßt hat. Joy Division ist eben keine legendäre (sprich: langweilige) »Klassiker-Band«, die nur die Augen von ergrauten Studienräten leuchten lässt. Joy Division lässt auch heute noch die Pop-Connaisseure ehrfurchtsvoll raunen.

Curtis’ Charisma, seine manisch zerrissenen Bühnentänze, seine Texte, die sich in selbstzerstörerischer Intensität der inneren Finsternis widmeten, die Wut und Verzweiflung über die eigene Ungenügsamkeit, wirkten seit seinem Suizid plötzlich auf grausame Art noch authentischer. Es merkte auch der Letzte: »Verdammt, das war alles echt!« Und genau das waren Joy Division: echt. Sie brauchten keine Popfiktionen, Bühnenfiguren oder Punkkostüme. Sie brauchten nur sich selbst und eine verranzte Bühne im noch verranzteren Manchester, um auf nicht mehr als zwei Studioalben eine neue Klangwelt zu erfinden – und damit Pop bis heute zu prägen.

Es ist erstaunlich, wo man Joy Division auch mehr als dreißig Jahre später immer noch überall begegnet: im Look anderer Bands, egal ob Franz Ferdinand oder Maxïmo Park, weil den Joy Division- Stil – schmale Hemden, schmale Hose, Trenchcoat, Schlips und Kippe – jeder adaptieren muss, der eine Gitarre in die Hand nimmt und etwas auf sich hält. Man entdeckt sie auf den T-Shirts der Indiekids, weil das ikonographische zackige Albumcover zu »Unknown Pleasures« längst auch ein ikonographisches T-Shirt ist. Man entdeckt sie sogar in Feel-Good-Movies wie »500 Days of Summer«, in denen der Hauptdarsteller Joy Division hört, als könnte er dadurch etwas an Tiefe gewinnen. Und natürlich entdeckt man sie in den Filmen über die Band selbst: In der Doku von Grant Gee und in »Control« – dem Film des einstigen Joy Division-Fotografen Anton Corbijn, der den Kult um die Band neu befeuerte – und der wiederum gerade ein Foto für eine aktuelle Beck’s-Flaschen-Edition hergegeben hat, das ihn selbst zeigt – in Gestalt von Ian Curtis. Joy Division taugen also noch dreißig Jahre später als Werbeidol für die junge Zielgruppe, gleich neben Bands wie Boys Noize und The Bloc Party, die sich auch auf die Flasche kleben ließen (und sich bezeichnenderweise ebenfalls auf Joy Division beziehen). Und immer wenn man mal wieder die Joy Division-Alben hört – oder auch nur einen der Hits wie »Love Will Tear Us Apart« oder »Transmission« –, ist einem nach wenigen Akkorden klar, was der letzte und entscheidende Grund für den nicht enden wollenden Hype ist: die Musik selbst. Pophistorisch sind Joy Division ein Glücksfall, weil sie die rohe Energie, die ins bloße Brüllen abgleitende Wut des Punk in eine komplexere Form überführten. Ihre Musik war sensibler, emotionaler, mehr Bowie als Johnny Rotten. Sie war offener – ließ sogar ein Keyboard zu – und gleichzeitig so hermetisch geschlossen in ihrem Sound, so klaustrophobisch, dass sie düsterer, intensiver und erschütternder klang als alles, was man bis dahin gehört hatte. Joy Division legten damit die Grundsteine für The Cure und alle anderen Wave-Bands, die von da an kommen sollten. Aber man entdeckt Joy Division-Momente auch bei Radiohead, die sie genauso beeinflusst haben wie U2. Und nicht zuletzt fungiert Joy Division als musikalisches Scharnier: öffneten sie doch Punk für elektronische Einflüsse. Die Nachfolgeband New Order sollte diesen Weg konsequent verfolgen: The Haçienda, der New Order-Club in Manchester, gilt als eine der Brutstätten der modernen Dance-Music.

Mit dem Buch des Joy Division- (und späteren New Order-) Bassisten Peter Hook hat man nun die Gelegenheit, die Ereignisse, die am Beginn dieser Musikrevolution standen, genauer zu betrachten. Es erzählt, wie der ebenso gnadenlose wie geniale Tontechniker und Produzent Martin Hannett im Studio nicht nur die Band in ihre Einzelteile zerpflückte, sondern auch gleich das ganze Schlagzeug. Wie er den Live-Sound mit neuem Equipment verfremdete und die Stimme mit so viel Hall belegte, dass es der Band selbst nicht mehr gefiel (was ihm herzlich egal war). Man erfährt, warum die Band als »Warsaw« begann, wie die Musiker feierten, stritten, sich schlugen und wieder vertrugen. Man erfährt, warum Peter Hook Alkoholiker wurde (er musste den Bus nicht mehr fahren und konnte deshalb noch mehr trinken) oder wie die Witzbolde von Joy Division die Buzzcocks mit ihren Streichen in den Wahnsinn trieben (Mäuse und Maden im Tourbus…). Man erfährt, wie mit Joy Division auch das legendäre Label Factory Records groß wurde. Und schließlich ahnt man den Enthusiasmus der Band, kurz vor ihrer ersten Amerika-Tour. Zu der kam es nicht, denn kurz vor der Abreise erhängte sich der von Beziehungsunglück und Depressionen zerrissene Ian Curtis – und ließ die anderen Bandmitglieder mit Schuldgefühlen zurück, die sie bis heute plagen.

Hook erzählt all das mit einer humorvollen und gleichsam schonungslosen Stimme. Er erinnert sich an all die kleinen Dinge und Details, die die Band und ihre Geschichte nicht entmystifizieren, sondern dem Mythos nur eine neue Qualität verleihen: eine menschliche.

Joy Division Facts

01 Als der Band klar war, dass sie nicht mehr »Warsaw« heißen konnte, weil sie ständig mit einer anderen Band verwechselt wurde, hätten sie sich beinahe »Boys in Bondage« genannt – oder »The Slaves of Venus«.

02 Der erste Bass, auf dem Peter Hook spielte, war eine Kopie einer Gibson EB-0. Er hat sie noch heute.

03 Der Hauptgrund für Peter Hooks unverkennbaren Basssound, bei dem er vor allem hohe Töne spielte, war der alte Verstärker, den er einem ehemaligen Lehrer abkaufte: Alle tiefen Töne klangen darauf einfach zu schlecht – »absolutely fucking awful«.

04 Das berühmte Albumcover zu »Unknown Pleasures« zeigt eine Frequenzzeichnung aus der Cambridge Encyclopedia of Astronomy und zeigt die Frequenz eines aus dem All empfangenen Signals. Peter Saville, der visionäre Grafiker, der diese und alle anderen Joy Division-Albumcover designte, arbeitete später unter anderem als Art Director der Stadt Manchester.

05 Wie sehr Joy Division in der Arbeiterkultur Englands verwurzelt war und ist, sieht man daran, dass Fans von ManCity bis heute die Melodie von »Love Will Tear Us Apart« im Stadion singen.