Drei Pop-Generationen, drei verschiedene Bezüge zu Kraftwerk.

Thomas Meinecke, Jahrgang 1955, ist Autor mit starker Affinität zu Pop-Themen, DJ und Kraftwerk-Fan seit den frühen 1970er Jahren.
David Buckley, Jahrgang 1965, ist Autor und Biograf der Band. Ähnlich wichtig wie Kraftwerk findet er sonst nur David Bowie.
Paul-Philipp Hanske, Jahrgang 1975, ist Journalist und entdeckte Kraftwerk zusammen mit Techno in den frühen 1990er Jahren.

Paul-Philipp Hanske: Wenn heute der Name Kraftwerk fällt, gesellt sich sofort ein Bild dazu: Kraftwerk, die Futurismus- Combo, man denkt an Roboter, unterkühlte Ästhetik und abstrakte Maschinenmusik. Die Anfänge der Band passen aber gar nicht so gut zu diesem Bild …

David Buckley: Ja und das liegt daran, dass Ralf Hütter und Florian Schneider die Geschichte von Kraftwerk sehr strikt umgeschrieben haben. Die offizielle Kraftwerk-Diskografie beginnt mit »Autobahn«. Tatsächlich beginnt Kraftwerk aber viel früher. Florian Schneider machte schon 1967 Musik: improvisierte, akustische Stücke, die viel mit Jazz zu tun hatten und eher aus der Schule von CAN kamen. Aber in ersten Anklängen ist schon der Kraftwerk-Sound erahnbar. Auf »Ruckzuck« aus dem Jahr 1969 hört man zum Beispiel schon diesen galoppierenden »Appache«-Beat, der später dann zu einem ihrer typischen Sounds wurde.

Paul-Philipp: Mir kommen die frühen Kraftwerk-Aufnahmen immer sehr blumig vor. Eindeutig psychedelische Musik, es wird improvisiert und gedudelt … Waren Kraftwerk Hippies?

Thomas Meinecke: Was mich an diesem späthippiesken Rock der 1970er Jahre so nervte, war das ausgestellte Virtuosentum. Und da hat Kraftwerk nie mitgemacht. Denen ging es, und das fand ich von Anfang an faszinierend, um die Attitüde. Kraftwerk war – und zwar schon auf den Platten vor »Autobahn« – eine Band mit Haltung. Das wurde schon auf dem »Ralf und Florian«-Album klar: Auf dem Cover diese beiden seltsamen Typen mit dem Musiknoten-Anstecker, dazu die Frakturschrift und der Verkehrshut, das war so camp, so queer, dass das nichts mit Rock-Gebaren à la Yes zu tun hatte.

David: Leute, die David Bowie mochten, mochten automatisch auch Kraftwerk. Weil beides intellektuell anspruchsvoll war und künstlerisch. Was man in den 1970er Jahren nicht mehr mochte, waren Männer mit langen Haaren und engen Hosen, die davon sangen, wie lange sie es ihrem Mädchen besorgen. Das neue Ideal ging klar in Richtung Metrosexualität. Und dazu gehörte natürlich dieses strange Outfit: Später gab es ja die berühmten Anweisungen an alle Bandmitglieder: zum selben Friseur zu gehen, zum selben Schneider, sich in der Öffentlichkeit einheitlich zu präsentieren. Kraftwerk sah aus wie ein Streichquartett, manche sagten auch: wie Banker!

Thomas: Ich finde, sie sahen eben nicht aus wie Banker. Die hatten nämlich in den 70ern auch längere Haare. Kraftwerk waren komplett aus der Zeit gefallen und erinnerten eher an Deutsche aus der Ufa-Zeit, an so unheimliche Funktionäre aus Babelsberg. Die Anzüge waren prä-1945. Genauso das »Autobahn«-Cover: das war keine zeitgenössische Autobahn. Der Käfer darauf konnte auch ein Nazi-Fahrzeug sein oder der Mercedes der von Konrad Adenauer. Das war faszinierend – weil es spooky war.

Paul-Philipp: Das finde ich an Kraftwerk eigentlich am interessantesten: Die Band wird ja immer auf eine Art Futurismus reduziert, weil sie zwei enorm zukunftsoffene Genres, Hip-Hop und Techno, stark beeinflusst hat. Wenn man aber genau hinsieht, merkt man, dass Kraftwerk ihre futuristische Musik immer in eine nostalgische Verpackung steckten. Auf »Radio- Aktivität« sieht man so eine Art Volksempfänger, auf »Trans- Europa-Express« dieses enorm altmodische Porträtbild der Band und selbst »Mensch-Maschine« zitiert mit dem russischen Konstruktivismus eine vergangene Epoche. Welche Idee steckt hinter diesem seltsamen Retrofuturismus?

David: Ich weiß, dass sich Kraftwerk tatsächlich stark von der Vorkriegskunst inspirieren ließen: von Stilen wie Futurismus und Konstruktivismus, von Fritz Lang, vom Film »Das Cabinet des Dr. Caligari«. Es ging darum, das zu inspizieren, was die Nazis als »entartet« verunglimpft hatten – gewissermaßen eine Verbindung herzustellen zur Vorkriegsavantgarde.

Thomas: Ich würde es nicht so positiv formulieren. Kraftwerk zog es auch immer zu den Dingen, die kontaminiert waren. Sie lassen die Zeit zwischen 33 und 45 nicht aus, sondern zitieren sie auf höchst ambivalente Weise und entziehen sich den eindeutigen Festlegungen. Man denke nur an dieses unglaublich seltsame Band-Foto unter der deutschen Eiche auf dem Innencover von »Trans Europa Express« …