Deine autobiografische Graphic Novel »Der Voyeur« spielt in New York City. Seltsamerweise sieht man in dem Buch aber keinen einzigen Wolkenkratzer. Und keine gelben Taxis.

Ich lebe ja auch nicht am Times Square oder an der Wall Street, sondern im Stadtteil Greenpoint in Brooklyn. Da gibt es eben nur wenige Postkartenmotive. Aber ich denke schon, dass der Ort, an dem ich lebe, meine Arbeit beeinflusst und vorantreibt. New York beeinflusst mich dabei weniger durch seine Stadtlandschaft als durch seine einzigartige Mentalität: kosmopolitisch, heterogen und furchtbar ambitioniert. Es kommen so viele talentierte Menschen nach New York. Alle spüren den Druck und den Fokus, der das Streben nach Erfolg, Geld und Produktivität über alles andere stellt. Es fällt mir nicht leicht, in dieser Stadt zu leben. Es ist alles ziemlich intensiv. Aber es gibt auch kleine Fluchten: In einer Episode unternimmt die Figur Gabrielle einen Fahrradausflug nach Roosevelt Island, einem kleinen Fleckchen Land im East River. Dort ist es seltsam still – deshalb kommt sich Gabrielle plötzlich vor wie in einem B-Movie oder einem postapokalyptischen Film wie »28 Days Later« oder »Dawn oft the Dead«.

Warum?
Roosevelt Island ist ein seltsamer Ort irgendwo im Nirgendwo zwischen Brooklyn, Manhattan und Queens. Eine Schlafstadt für Mitarbeiter der Vereinten Nationen – ohne Bars, Clubs, Kaufhäuser. Das Zombie-Motiv sollte wohl eine Metapher sein für das unwirkliche Gefühl, das man hat, wenn man mitten in New York plötzlich alleine ist. Wenn es hier ruhig ist, dann muss etwas Schreckliches passiert sein.

Du beschreibst, oder besser zeichnest, Gabrielles Alltag als Comickünstlerin, die unter Schreibblockaden leidet, die Welt nach dem perfekten Kugelschreiber durchsucht und auf Comic-Konferenzen auftritt. Trotzdem kommen einem viele Szenen bekannt vor – zum Beispiel wenn Gabrielle weinend zusammenbricht, als sie ihren Laptop für fünf Tage in die Reparatur geben muss.

Es geht um Menschen, die versuchen, erwachsen zu werden, obwohl sie den 18. Geburtstag längst hinter sich haben, und sogar der 30. liegt bereits hinter ihnen. Eine etwas verspätete coming-of-age Story also.

Im ersten Kapitel beschäftigst du dich intensiv mit den digitalen Medien, der E-Mail-Sucht, der Zeit, die man verschwendet, wenn man sich mal wieder im Netz verstrickt hat.

Ich bin ja noch mit Wählscheiben, Telefonzellen und Branchenbüchern aufgewachsen und stehe den neuen Kommunikationsphänomenen deshalb manchmal ein wenig hilflos gegenüber. Die Technologie verändert sich so schnell und bringt immer wieder neue Probleme hervor. Wir kommen mit der Produktion von Lösungen einfach nicht hinterher.

Viele deiner Figuren scheinen unter einem Erschöpfungssyndrom zu leiden – einer Art digitalem Ennui.

Ich bin eigentlich den ganzen Tag müde. Aber das kann auch am Älterwerden liegen. Nach zehn Minuten im Netz fühle ich mich, als hätte ich eine ganze Nacht durchgemacht. Das Leben im Netz produziert einen ganz eigenen Bewusstseinszustand. Ich bin dann immer wie weggetreten, schaue verschiedene Seiten an, denke verschiedene Sachen, völlig ungeordnet und nichtlinear. Ich denke, es wird noch eine Weile dauern, bis es uns gelingt, eine Balance zwischen Online und Offline zu finden.

In deinem Buch reist Gabrielle nach Kanada, Kalifornien, Japan und Südfrankreich. Und kehrt doch immer wieder nach New York zurück. Seit wann lebst du in der Stadt?

Ich kam kurz nach dem 11. September aus Nordkalifornien nach New York. Eine sehr spezielle Zeit, wie ich sicher nicht erwähnen muss. Ich hatte immer die fixe Idee, dass ich in Manhattan leben würde. Aber dort ist es so unfassbar teuer, so ungemütlich, so eng, dass ich bald wie viele meiner Künstlerfreunde nach Brooklyn gezogen bin.

Es gibt in New York den Spruch: »Fremder, wenn du die Brooklyn Bridge nach Manhattan überschritten hast, dann musst du in deinem Leben keine Brücke mehr überqueren«. Warum sollte man das Zentrum des Universums auch verlassen. Gilt das noch?

Nein, natürlich nicht. Brooklyn ist in der vergangenen Dekade zu einem kulturellen Zentrum von globaler Bedeutung geworden. Dort gibt es die einflussreichsten Bands, die besten Clubs – und mittlerweile sogar ein NBA-Team.

Brooklyn ist kein Ort, sondern ein Konzept, das für Ziegelsteingebäude, Fahrradläden und kleine Cafés mit kostenlosem WLAN steht. Wir sind alle Brooklynites. In einer Episode in »Der Voyeur« regst du dich aber über den ironischen, postideologischen Hipster-Lifestyle wie Stricken auf. Findest du auch, dass Gentrifizierung Stadtteile wie Brooklyn oder Berlin-Kreuzberg zu ihrem Nachteil verändert?

Das wäre wohl ein wenig unehrlich. Ich bin ja selbst ein Gentrifier, ein Künstler, der wegen der billigen Mieten hierhergezogen ist. Ich bin auf dem Land im amerikanischen Westen aufgewachsen. Es war ziemlich unzivilisiert dort und unbequem und rau. Ich gebe zu, dass ich mich über den Komfort und die gute Infrastruktur in Brooklyn freue, die Yogastudios, die kleinen Schreibwarengeschäfte, das gute Essen. Ich will aber eigentlich nicht darüber nachdenken, ob ich ein Hipster bin oder nicht. Ich will ein Erwachsener sein, der sein Ding durchzieht. Und das können die Leute dann gut finden oder schlecht.

Bell Voyeur