Wie kamen Sie Bernhard auf die Spur, Herr Schimmelbusch?

Mir wurde ein Kuvert zugesandt, in dem sich die versiegelten Reiseberichte von Bernhards Verleger befanden. Schnell war klar, dass Bernhard seinen Tod 1989 nur vorgetäuscht hatte, mit Hilfe des Verlegers, und dass er auf Mallorca lebte, unter dem Alias Franz-Josef Murau, so hieß der Protagonist in seinem Roman »Auslöschung«. Ich las von einer Hacienda nahe Deià, von Ehefrau und Kind. Dann begann meine Recherche. Zuerst machte ich Bernhards Sohn Esteban ausfindig, der mit Anfang 20 in New York einen Hedgefonds leitet, Wolfsegg Capital. Esteban ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, nur sieht er viel besser aus, wenn auch auf eher unseriöse Weise, als habe man Bernhard mit Julio Iglesias gekreuzt, oder mit Zorro sogar. Es gibt ein neues Manuskript Bernhards, »Ànima Negra«, eine Art Autobiografie seines Nach-Lebens, in der man viel darüber erfahren wird – aber ich möchte nicht zu viel verraten. Ich halte es da wie der Spiegel, der seine Titelgeschichte ja auch nicht vorab online stellt.

Ihr Buch »Die Murau Identität« ist aber ein Roman. Warum?
Alles ist Fiktion auf der Welt. Es gibt nur Schattierungen. Sie können die »Die Murau Identität« als Roman oder als Reportage lesen.

Wie haben Sie recherchiert?
Ich habe Bernhard gesucht, dann habe ich ihn gefunden und mich auf Mallorca mit ihm getroffen, vor einem Café an der Kirche in Sóller. Ich habe mit ihm gesprochen, oder ihm zugehört, Sie wissen schon, die Suada, Rainald Goetz würde wohl eher Laberflash sagen. Es gibt allerdings eine Sperrfrist bis zum 21. Januar 2014 bezüglich dieses Treffens, um nicht allzuviel vor Bernhards 25. »Todestag« am 12. Februar preiszugeben. Von all dem berichte ich in meinem Roman. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich alles richtig in Erinnerung habe.

Wieso wollte Bernhard verschwinden?
Zunächst war keineswegs sicher, ob Bernhard die experimentelle Antikörperbehandlung überleben würde, die ihn dann schließlich von seiner Autoimmunerkrankung heilte. Bernhard wollte nicht im Krankenhaus sterben, genauer: er wollte nicht, dass seine Figur »Thomas Bernhard« in einem Krankenhaus stirbt. Auch wenn dieses unter literarischen Aspekten sicher gut nutzbar gewesen wäre, war es doch das kosmopolitische New-York-Hospital in Manhattan über der Stadtautobahn direkt am East River, wo nachts in Bernhards Isolationszimmer der traurige Ruf der Nebelhörner zu hören war. Auch wenn das gut zu Bernhard gepasst hätte, wäre es doch ein zu bizarrer Abschluss der ersten, doch sehr österreichisch geprägten Phase von Bernhards Autorendasein gewesen. Und zu New York hatte Bernhard damals, anders als heute, noch keinen rechten Bezug. Andererseits war 1989 ein guter Zeitpunkt, um abzutreten, auf dem Höhepunkt, nach »Auslöschung« und »Heldenplatz«. Das hat funktioniert, Bernhard ist in Österreich heute ein Nationalheiligtum, der Zuckerbäcker Demel hat zum »Todestag« im Februar 2014 eine Bernhard-Torte in Planung.

Das Verschwinden also als Schlussstein der Selbstinszenierung Bernhards?
Es war für Bernhard sicher attraktiv zu verschwinden. Seine auratische Selbstdarstellung war ein solches Meisterwerk, dass es Erleichterung bedeutet haben muss, dieses abzuschließen. Eine derart perfekte Einheit von Leben und Werk wie im Fall Bernhards hat es in der deutschsprachigen Literatur noch nicht gegeben. Es ist ohnehin sehr selten, dass die Inszenierung einer Autorenfigur gelingt. Es fällt einem dazu nach längerem Nachdenken möglicherweise Peter Handke ein, bei den unter 70jährigen vielleicht noch Christian Kracht. Aber einen derart intensiven öffentlichen Performance-Druck wie Bernhard hat kein anderer Schriftsteller annähernd erlebt. Es war ja auch eine lange Spielzeit gewesen, Bernhard stand immer auf der Bühne, er war nicht nur der berühmteste Schriftsteller, sondern auch der größte Star Österreichs, noch vor Falco, gleichzeitig das größte Hassobjekt. Der pure Stress also. Er konnte nicht einfach wie Handke nach Serbien oder wie Kracht nach Burundi verschwinden. Bernhard musste einen Schritt weiter gehen.