Es war der Sampler, der Burckhardt Anfang der 1980er-Jahre in Berlin einen Erweckungsmoment bescherte und ganz neue Fragen aufwarf: Was bedeutet dieser Apparat für die Musik, wenn nun jeder Klang zum Instrument, jedermann zum Virtuosen werden kann? Was bedeutet die Möglichkeit der Reproduktion und Manipulation von Klängen dafür, wie wir leben und die Welt denken?
Als Audiokünstler findet sich Burckhardt wenige Jahre später inmitten der boomenden Techno-Szene wieder und philosophiert über das neue Phänomen, das heute längst Mainstream geworden ist: denn ganze kulturelle Praktiken werden – unter anderem unter dem Stichwort »Retro« – gesamplet, zitiert, geremixt. Und lange bevor Filesharing und Urheberrechte Gegenstand von Gerichtsverhandlungen wurden, verwirft Burckhardt traditionelle Autorentheorien, spricht vom »sich mit-teilenden Dividuum«, von »Verflüssigung« und »Elektrisierung«. Es geht ihm um nicht weniger als darum die Gegenwart, die sich in einem radikalen Umbruch befindet, zu verstehen, ihre Möglichkeiten zu kartografieren.
Die Entdeckung der Elektrizität stellt für Burckhardt einen historischen »Zeitriss« da: Strom fließt so schnell, dass man eigentlich nicht mehr von einem Zeitfluss sprechen kann, nur von Gleichzeitigkeit, von Echtzeit. Ein ähnlich vehementer Bruch wie die Erfindung der mechanischen Uhr, mit der sich Zeit auf einmal takten und »abrechnen« ließ.
»Ich wusste nicht, über was ich noch schreiben könnte«, stellt Burckhardt im Jahr 2000 nach zahlreichen Buchveröffentlichungen, Aufsätzen, Lehraufträgen fest. Er wendet sich einem nichtliterarischen Schreiben zu, dem Programmieren. Auch hier die brennenden Fragen: Wie bringe ich eine Welt zum Funktionieren, und welche Gesetze muss ich hierfür formulieren? Inspiriert von seinem Sohn, vertieft er sich ins Thema »Social Gaming« und gründet die Firma Ludic Philosophy. 2011 präsentiert dieser interdisziplinäre Think Tank das vielbeachtete Browser-Game »Twin-Komplex«. Als Agent einer ominösen »De-Centralized Information Agency« gilt es, im Moloch Berlin Kriminalfälle zu lösen. Filmsequenzen bilden das Grundgerüst dieser »Living Novel«, Beweisstücke liefert das Spiel – oder die eigene Recherche im World Wide Web. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sind fließend.
Digitale Renaissance, Burckhardts neues Buch, will ein »Manifest für die digitale Welt« sein: Im Vorwort verrät der Autor seine Absicht: »Wir wissen bereits, wohin die Reise geht, es gelingt uns nur nicht, das Alte zu vergessen. Die Losung des Buches heißt also: Schiffe versenken!« Anders: Wer Neuland erkunden will, muss das Alte radikal hinter sich lassen und das Vergessen erlernen. Burckhardt will in Digitale Renaissance »eine Psychopathologie unserer Gemeinwesen vornehmen. Denn nur dort, wo wir die Abgründigkeit unserer Gegenwart sehen, werden wir die Freiräume erkennen, die uns eine neue Welt denken lassen.«
Jenes Alte, Überkommene, das sind »Zwangsvorstellungen« wie der Irr-Glaube an Geld, Konsumismus, dass es auf unsere Unterschrift und unsere persönliche Leistung ankomme. Ebenso irr-sinnig ist es, alles, »was wir kennen, in digitaler Form wiederauferstehen zu lassen«. Die Zukunft muss mehr sein als die Paraphrase des Vergangenen.
Martin Burckhardt hat ein interaktives Interface programmiert, das den Schreibprozess sichtbar macht: Jedes Wort, jede Zeile, jede Änderung des Autors wird transparent. Seine Gäste kommentieren, diskutieren, redigieren. Auch nach der Veröffentlichung wird das Buch weitergeschrieben und nimmt neue Ideen und Kritik auf. Die Zukunft des Schreibens – sie hat schon begonnen: Social Writing – live in Echtzeit.