Für sein Buchexperiment »Eine neue Version ist verfügbar« hat Dirk von Gehlen eine Compilation mit 30 Songs zusammengestellt, die wie eine Art Soundtrack zu dem Buch funktioniert. Umgekehrt kann man aber anhand der Songs die Grundthesen des Buches gut erklären, das der Journalist der Süddeutschen Zeitung im Herbst 2012 mit einem vielbeachteten Crowdfunding-Projekt startete. Damals kauften 350 Leser sein Buch, obwohl von diesem noch nicht eine Zeile geschrieben war. Denn das ist die Annahme, die »Eine neue Version ist verfügbar« aufstellt und in die Tat umsetzt: Die Digitalisierung macht aus Texten, Musik und Filmen Software, die man in Versionen denken muss und nicht mehr einzig als festes Werkstück. Digitalisierung verflüssigt die gängigen Denkmuster von Kultur – genau das ist auch Thema dieser Songs, die allesamt einen Bezug zum Flüssigen haben. Hier eine vom Autor kommentierte Auswahl von fünf »liquid songs«, die gesamte Playlist kann man im Streaming-Dienst Spotify nachhören.

Tocotronic – Jenseits des Kanals
Dass Dirk von Lowtzow in diesem Song vom 1999er Tocotronic-Album »K.O.O.K«-Zeilen von Gustave Flaubert singt, hat mich schon im Vorgänger-Buch »Mashup« begeistert. »Jenseits des Kanals« ist der melodische Beleg für die Referenz- und Remix-Kultur, die uns schon prägte, bevor die digitale Kopie die Menschheit in die Lage versetzte, Inhalte identisch zu duplizieren. Durch diese neue Fähigkeit wird das Grundverständnis von Original und Kopie herausgefordert. Kopieren ist aber nicht Bedrohung, sondern Chance für Kultur. Die Versionierung von Inhalten und die Dokumentation ihrer Entstehung sind in dieser Form nur durch die digitale Kopie möglich. Und diese Versionierung, so die zentrale These von »Eine neue Version ist verfügbar«, könnte dem Kunstwerk einen zusätzlichen Wert verleihen, der über das reine Dokument hinausgeht. So wie Menschen sich nicht nur für ein Fußball-Ergebnis begeistern, sondern vor allem auch für die Art, wie es zustande gekommen ist.

Peter Licht – Frühstück
Über lange Zeit war das für die Medien Aufregendste an PeterLicht, dass er sich einem ihrer zentralen Funktionsprinzipien entzog und keine Künstlerperson mit Gesicht und Eigenschaften sein wollte. PeterLicht trat 2007 beim Ingeborg-Bachmann-Preis auf ohne in die Kamera zu schauen, er ließ sich nur von hinten filmen und bei der Verleihung des Publikumspreises für seinen Text »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends « im Anschluss vertreten. Der Song »Fluchtstück« stammt vom Album »Ende der Beschwerde« und verhandelt das Thema der Verflüssigung – nicht als Problem, sondern als Ausweg: »Ich verflüssige mein Festes / Ich verkauf meine Sachen / Ich verflüchtige mich / Boote, Gräben, Luftschiffe / Gullydeckel, Löcher im Zaun, Fluchttunnel / Mögen sie mich nach draußen bringen.«

Bon Iver – Wash (St. South Remix)
Justin Vernon ist Kopf und Stimme des Projekts »Bon Iver«, das nach dem französischen »bon hiver« für »guter Winter« benannt ist. Dabei geht es in seinem Fall aber gar nicht um Eisoder Wasser-Metaphern, sondern um sein sehr konkretes Projekt. Dabei zeigte Vernon, was es heißt, wenn man die These vom neuen Verhältnis zwischen Künstler und Publikum weiterdenkt: Wenn ein Song nicht der Abschluss, sondern Mittelpunkt eines Prozesses ist, kann dabei Erstaunliches entstehen. Vernon bat seine Fans nämlich, Songs von seinem Album »Bon Iver« zu verändern und umzugestalten: Aus allen Remix-Versionen wählte der Künstler aus und schuf so ein neues Werk, das sozusagen eine neue Version darstellt. Es trägt den Titel »Bon Iver, Bon Iver, Stemsproject« und versammelt jede Menge neue Versionen.

Death Cab for Cutie – The Ice Is Getting Thinner
»Die Jahreszeiten haben sich geändert – wie auch wir uns geändert haben«, singt Ben Gibbard in diesem Liebeslied, das nichts mit der Digitalisierung zu tun hat – außer dem schmilzenden Eis, das dünner wird. Mit diesem Bild beschreibe ich den Wechsel der Jahreszeiten, der durch die Digitalisierung eingetreten ist. Kultur war bisher stets ein gefrorener Eisblock, die Digitalisierung taut ihn auf, verändert seinen Aggregatzustand – macht ihn flüssig. So wie die Jahreszeiten das Wetter verändern, zeigt auch die Digitalisierung klimatische Veränderungen. Wenn von dünnem Eis die Rede ist, geht es meist um eine sich verschärfende, problematische Situation. Nicht so in diesem Death-Cab-For-Cutie-Song. Hier ist das dünner werdende Eis ein Symbol für Annäherung, für den aufziehenden Frühling mit all seinen Möglichkeiten.

Pulp – After You
Im Jahr 2012 verschenkte die Band Pulp diesen Song Besuchern, die eines ihrer Konzerte besuchten. Die erste Version des Liedes stammt aus dem Jahr 2001. Damals war sie als Demo-Version aufgenommen worden. Nach der Wiedervereinigung der Band im Jahr 2011 war »After You« der erste Song, den die Band aufnahm. Das Lied zeigt zum einen, wie die Verbindung aus Erlebnis (Konzert-Besuch) und File (Song-Datei) neue Denkmodelle eröffnet. Zum anderen steht das Phänomen »Demo-Version« beispielhaft für die Idee von »Eine neue Version ist verfügbar«. Echte Fans könnten sich sehr für erste Demo-Versionen von Songs begeistern. Durch die Digitalisierung ist es möglich, quasi live dabei zu sein, wie Demo-Versionen entstehen. Für echte Fans ist das ein enormer Wert, sie erleben einen unkopierbaren Moment, der wertvoll, aber bisher kaum beachtet ist.