Jede Zeit hat ihre Stadt: Was in den 1920ern Paris war, in den 1960ern London und San Francisco, in den 1980ern New York, ist heute Berlin: The Place to be. Diesen Lockruf vernahmen vor einigen Jahren auch vier junge Australier: Kreative allesamt, Musiker, nebenbei mit künstlerischen und literarischen Ambitionen. Sie hatten die Schnauze voll von den hohen Mieten in den australischen Metropolen – vor allem aber wollten sie mittendrin sein. Robert F. Colemann, einer der Musiker, beschreibt die Faszination: »Für eine junge Band wie unsere hatte die Stadt eine Anziehungskraft wie sie Paris und London seit Orwells Zeiten nicht mehr hatten: günstige Mieten, ein entspannter Lifestyle, Proben in ausgedienten Lagerhallen, Auftritte in verlassenen Spionagetürmen, inspirierende Gespräche mit Schriftstellern und Zirkuskünstlern – das waren die Szenarien, die wir in aufgeregter Vorfreude diskutierten.« Colemann veröffentlichte im letzten Herbst im New York Times Magazine ein Resümee der Reise in die verheißene Stadt. Es ist einer der besten journalistischen Texte, die in den letzten Jahren über Berlin erschienen. Zunächst einmal glaubt sich die Band im siebten Himmel: »Um uns wimmelte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite.«
Genau das ist es, was im Augenblick Tausende junger Bohèmiens aus der ganzen Welt anzieht: billiger Mietraum, der vom Druck befreit, allzu viel Geld heranschaffen zu müssen, Party, Drogen, vor allem aber: das Versprechen, bei all der Party noch am kreativen Milieu der Stadt teilhaben zu können. Die glorreiche Vergangenheit (David Bowie, Brian Eno, Martin Kippenberger …) berührt sich hier mit der aufregenden Gegenwart (Wolfgang Tillmans) – es wäre doch gelacht, wenn da nicht der Funke überspränge …, so jedenfalls die Hoffnung Colemanns und seiner Bandkollegen. Die international befeuerte kreative Treibhausstimmung in der Stadt ist schon längst Allgemeingut. Schon vor Jahren schlug der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit genau in diese Kerbe, als er Berlin als »arm aber sexy« anpries. Und dass man in den einschlägigen Vierteln Kreuzbergs und Neuköllns auf den Straßen eher Englisch als Deutsch (und schon gar nicht mehr: Berlinerisch) hört, wird nicht nur gutgeheißen. Man denke an so unschöne Grafitti wie »Touristen fisten« … Angesichts der allgemeinen Sichtbarkeit des Berliner Kunst- und Party-Trubels muss doch eines überraschen: dass es bisher nur so wenige künstlerische Auseinandersetzungen mit diesem Thema gibt. Natürlich gibt es die Party-Texte von Rainald Goetz – aber die beziehen sich eigentlich auf die Hochphase von Berlin-Techno vor über zehn Jahren. »Das weisse Buch« von Rafael Horzon ist eine Ode an die Berliner Unbekümmertheit, aber im Endeffekt ein persönliches Statement. Und »Axolotl Roadkill«, der umstrittene Erstling von Helene Hegemann, bildet zwar den Aspekt Exzess sehr umfassend ab, nicht jedoch das einzigartige Soziotop Berlin. Vielleicht bedurfte es eines Expats, eines Neuberliners, um dies zu tun. Eines wie Oscar Coop-Phane, geboren 1988 in Paris. Für sein Debüt, einen Roman über eine Straßenprostituierte (Coop-Phane pflegt, wie so viele französische Literaten, eine Obsession für die Gosse), wurde er in seiner Heimat gefeiert. So erhielt er, wie vor ihm Michel Houellebecq und Amélie Nothomb, den Prix de Flore und Frédéric Beigbeder jubelte: »Oscar Coop-Phane ist die Offenbarung des literarischen Jahres. Welch ein Einstieg in die Literatur!« Und wie so viele seiner jungen Landsleute (es soll 40.000 junge Franzosen in Berlin geben) floh Coop-Phane vor der Pariser Geschäftigkeit und Kälte ins kreative, egalitäre Paradies Berlin. In »Bonjour Berlin« beschreibt er die Erlebnisse dreier junger Männer Anfang 20, die sich in Berlin treffen. Armand, der wie Oscar Coop-Phane Paris hinter sich gelassen hat, ist begeistert vom Berliner Savoir-vivre: »Auf den breiten Gehwegen geht man viel spazieren. Als könne einem nichts und niemand etwas anhaben, als nehme man sich hier mehr Zeit als anderswo. Man ist ein bisschen knapp bei Kasse, aber man kommt über die Runden. Es gibt richtig leckere Suppen. In den Kneipen wird geraucht, weil es unsinnig wäre, dies nicht zu tun. Am Laptop arbeitet man sich an ein paar Obsessionen ab. Man spürt das tosende Europa um einen herum, das Durcheinander der verschiedenen Sprachen.«
»Bonjour Berlin« ist eine Ode an die Stadt. Vor allem aber bringt es eine Tatsache unmissverständlich auf den Punkt: Sucht man den Zeitgeist des Jetzt, wird man ihn in Berlin finden. Das ist keine banale Erkenntnis, angesichts einer Gegenwart, die sich allzu gerne in die Vergangenheit sehnt (es ist kein Wunder, dass der Pop der Gegenwart unlängst als »Retromania« bezeichnet wurde) und das Hier und Jetzt oft als lau und abgestanden empfindet. Armand hingegen bringt es auf den Punkt: »Ich glaub, ich hab jetzt was verstanden. Weißt du, ich fand meine Generation noch nie sonderlich sympathisch. Facebook, SMS, der ganze Kram, das ist alles nicht besonders romantisch. Aber als ich hierherkam und die Technoszene kennengelernt hab, hatte ich plötzlich das Gefühl, einer Generation anzugehören. Und ich finde, man muss versuchen, seiner Generation anzugehören. Also hab ich beschlossen, vor der heutigen Welt nicht mehr davonlaufen zu wollen. Ich will jetzt ganz in sie eintauchen. Wir haben unsere Musik und unsere Drogen.« Das alles ist natürlich nicht ohne Gefahren. Die beschreibt der australische Musiker Robert F. Colemann in seinem New-York-Times-Magazine-Essay prototypisch. Seine Bandmitglieder und er fühlten sich in Berlin so pudelwohl, dass die Flamme unter ihrem kreativen Dampfkessel erlosch. Statt sich im Proberaum zu treffen, zogen sie es vor, mit Freunden an der Spree zu grillen oder einer neuen Affäre nachzuhängen. Die Drogen, der Alkohol und die durchwachten Nächte taten ihr Übriges: »Die unerklärliche Energie der Stadt hatte uns gepackt, aber anstatt unsere Musik zu stimulieren, weckte sie nur unseren Partygeist. Wir verloren jeden Antrieb. Und von da an ging es bergab.« Irgendwann mussten sich die verhinderten Künstler fragen: »Gab es zwei verschiedene Arten von Kreativen in der Stadt? Diejenigen, die als etablierte Künstler ihr Leben finanzierten, und diejenigen wie uns, die als kreative Touristen kamen? Denn uns wurde schnell klar, dass viele allein wegen der günstigen Lebensverhältnisse in Berlin wohnten, ohne, wie mein Bandkollege es ausgedrückt hatte, »etwas auf die Beine zu stellen«. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Irgendwann zog Colemann die Reißleine, fuhr zurück nach Australien, hörte dort mit dem Rauchen auf, gründete eine Familie und macht heute wieder regelmäßig Musik und schreibt obendrein. Er liebt Berlin – war den Anforderungen der Stadt aber nicht gewachsen. Etwas anders ist es mit Oscar Coop-Phane. Wie seine Protagonisten atmete er die Berliner Luft in vollen Zügen (in Interviews erklärt er zum Beispiel sehr gelehrig die Droge MDMA …). Trotzdem schaffte er es meist, tagsüber im Café Haliflor zu sitzen, mit der Bedienung zu flirten und seine Texte zu schreiben. Zumindest sein Berlin-Buch. Inzwischen wurde ihm die Kluft zwischen Müßiggang und harter Schriftstellerei aber wohl auch zu anstrengend – er ging zurück nach Paris. Welch ein Verlust für Berlin, welch ein Gewinn für die Literatur.