Wir haben Jenny Lawson angerufen: Mrs. Lawson, ich kann nicht glauben, dass Sie immer noch in Texas leben.

Jenny Lawson: Wieso? Ich mag die offene, weite Landschaft meiner Heimat und könnte mir nie vorstellen, in der Großstadt zu wohnen. Ich bin auf Lese-Touren und Geschäftsreisen oft in New York und Houston und der Verkehr, Lärm und die Menschenmassen überwältigen und verängstigen mich.

Metrolit: Nun, in Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Kindheit im ländlichen Texas als eine surreale Geisterbahnfahrt, in der schießwütige Rednecks, mexikanische Fabelwesen und sehr reale Klapperschlangen ihr Unwesen treiben.

Okay, es war schon eine ziemlich harte Umgebung für ein junges Mädchen. Ich bin in einem kleinen Farmhaus aufgewachsen, in dem das Leitungswasser mit Radon verseucht war und ich immer Angst haben musste, dass mein Vater, ein passionierter Jäger und Tierpräparator, mal wieder ein Stück Aas in der Badewanne vergessen hatte. Oder dass mich seine Haustiere, Gürteltiere, Waschbären und Truthähne, auf dem Weg zum Briefkasten überfallen. Normal ist das nicht. Aber wer will schon normal sein? Ich habe eine Weile gebraucht, weiß aber heute, dass ich eine wunderbare Kindheit mit vielen Freiheiten hatte. Die surreale Umgebung hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Und das ist alles, was ich habe.

Obwohl Sie die Glasaugen der toten Tiere als Kind verängstigt haben, sammeln Sie heute selbst Wolpertinger und andere kuriose Tierpräparate. In dem Buch findet sich zum Beispiel ein Foto von einer ausgestopften Maus, die ein Hamlet-Kostüm trägt und getreu nach Shakespeare einen Mäuseschädel in der Hand hält. Ist das eine Art Konfrontationstherapie mit der blutigen Kindheit?

Das kann ich wirklich nicht genau sagen. Ich mag einfach merkwürdige Dinge und Artefakte. Ich lege allerdings Wert darauf, dass ich nur Tiere sammle, die an natürlichen Ursachen gestorben sind oder seit Jahrzehnten in einem Antiquariat verstauben. Die meisten der Präparate tragen auch Menschenkleidung. Ich weiß nicht genau, warum, aber da ist etwas an einem schlecht präparierten Wiesel in Anzug, Krawatte und Hut, das mich zum Lächeln bringt.

Sie schreiben oft, dass Bekannte und Freunde, wenn Sie Anekdoten aus der Kindheit erzählen, »ganz still werden« oder »schnell abhauen, und nie wiederkommen«. Irgendwie scheinen Sie den Schock-Effekt aber auch zu genießen?

Der Höhepunkt meiner Highschool-Zeit war, als ich einen Handschuh 
in der Vagina einer Kuh verloren habe.

Wenn ich über mein eigenes Leben schreibe, dann weiß ich genau, dass ich über etwas Besonderes schreibe, weil niemand anders eine ähnlich bizarre Kindheit hatte. Ich will die Leute nicht verstören, aber es fällt mir manchmal schwer, mich im sozialen Kontext angemessen zu verhalten. Ich kann wunderbar stringente E-Mails und Briefe schreiben, aber wenn sie mich in eine Stehparty schmeißen und zum Small Talk zwingen, dann passiert es häufig, dass ich mich nicht, wie eigentlich vorgesehen, über das Wetter oder den letzten Urlaub unterhalte, sondern es aus mir herausplatzt: »Der Höhepunkt meiner Highschool-Zeit war, als ich einen Handschuh in der Vagina einer Kuh verloren habe.«

Ist das der Grund, warum wir dieses Interview per E-Mail führen und nicht über Skype oder Telefon?

Wenn Sie das Buch oder meinen Blog
 gelesen haben, dann wissen Sie ja, dass ich unter einer schweren sozialen Angststörung leide und dass mir deshalb der Umgang mit anderen Menschen oft schwerfällt. Die meiste Zeit kann ich mich dazu zwingen, den Konventionen zu entsprechen, aber manchmal fühle ich mich so zerbrechlich und schreckhaft, dass das beste Mittel, um weiterzumachen, einfach das Wort »Nein« ist. Man darf nicht zulassen, dass man anderen Menschen zuliebe seine eigenen mentalen Kräfte überschätzt.

Sie schreiben, dass »die meisten Blogger emotional unsicher sind (…) und das ist auch der Grund, warum sie überhaupt mit dem Bloggen angefangen haben«. Ist das nicht ein veraltetes Klischee – der sozial inkompetente Freak, der sich im Internet austobt, weil er die Wirklichkeit nicht ertragen kann?

Digitale Texte wie E-Mails und Blogeinträge sind wichtige Werkzeuge für mich, um den Kontakt zur Welt aufrechtzuerhalten – selbst wenn ich wieder mal in diesem dunklen Loch sitze. Und ich glaube, dass es vielen anderen angstvollen Menschen ähnlich geht. Natürlich sind Blogs heute nur ein weiteres Medium der Informationsgesellschaft, über das Nachrichten verbreitet werden oder Menschen ihre fünfzehn Minuten Ruhm suchen. Aber ich glaube immer noch, dass es viele Menschen gibt, die im Netz schreiben, weil sie so die Seltsamkeit der Welt umgehen können. Auf mich trifft das auf jeden Fall zu.

Das Internet führt dazu, dass man realisiert, dass jeder Mensch verkorkst ist.

Sie betreiben wie gesagt einen der erfolgreichsten Blogs (»The Bloggess«) der USA und haben bis zu drei Millionen Leser pro Monat. Warum muss man dann überhaupt ein Buch schreiben?

Mein Blog ist für mich ein Medium, in dem ich meine Erfahrungen und authentischen Probleme und Konflikte verarbeite. Ich glaube, dass viele Leute meine bizarre Lebenswelt und meinen Humor schätzen. Aber ich beschäftige mich auch mit ernsten Themen wie Depressionen, Krankheiten und Selbstmordgedanken. In dem Blog poste ich einzelne Gedanken, Fotos, Fundstücke und andere Kleinigkeiten. An dem Buchprojekt hat mich vor allem der weite Horizont fasziniert. Stil und Haltung unterscheiden sich nicht so sehr von meinem Blog. Wenn man ein Buch schreibt, dann kann man Gedanken ausbreiten, Zusammenhänge ausarbeiten und muss einen roten Faden finden, das war für mich auch eine neue Erfahrung. Ich musste lernen, dass man dem Leser auch mal eine Atempause geben muss.

In einem Interview haben Sie mal gesagt: »Das Internet führt dazu, dass man realisiert, dass jeder Mensch verkorkst ist.«

Es gibt so viele Leute da draußen, die die absurdesten Geschichten erzählen. Immer denkt man: Das kann doch gar nicht wahr sein?! Und dann stimmt es doch. Es heißt oft, dass die Menschen im Netz nur mit verschiedenen Masken und Identitäten experimentieren. Das glaube ich nicht. Wenn man erst mal über eine lange Zeit eine Online-Identität betreibt, dann fällt es einem sehr schwer, seine eigenen Makel
und Probleme zu verschleiern. Ich 
gehe in meinem Blog zum Beispiel sehr offen mit der Tatsache 
um, dass ich an einer psychischen
 Erkrankung leide. Wenn man erst 
einmal ins Licht tritt und ehrlich
 ist, dann ist das eine sehr befreiende Erfahrung.
Wissen Sie, ich
 schreibe vor allem für mich selbst, aber ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie viele andere Menschen meine Probleme kennen und verstehen. Ein wunderbarer Nebeneffekt dieses Projekts ist es, dass ich Menschen sagen kann: Du bist nicht der einzige, der sich so fühlt! Ich habe einen eigenen Ordner auf meinem Computer, in dem ich E-Mails von Leuten sammle, die mir schreiben, dass sie sich entschieden haben, doch keinen Selbstmord zu begehen, weil sie sich auf meinem Blog oder in meinem Buch verstanden gefühlt haben.

Ihr Buch »Das ist nicht wahr, oder?« beschreibt – wie auch die Werke von David Sedaris – vor allem den alltäglichen Wahnsinn einer schrecklich netten Familie. Was unterscheidet dieses literarische Genre eigentlich von Reality- TV-Serien wie »Bauer sucht Frau« oder »Keeping up with the Kardashians«?

Gute Frage. Ich würde behaupten, dass Reality-TV-Sendungen stärker manipuliert sind und die Schwächen und Probleme der Menschen ausnutzen. Man macht sich lustig über diese Freaks. Meine Familie ist zwar sonderbar, aber ich hoffe doch, dass man während dem Lesen mit diesen Figuren eine Verbindung eingeht: weil sie originell sind, gutherzig, einzigartig. Das Buch ist ein Liebesbrief für meine Familie und ich hoffe, es wird auch so gelesen.

Gibt es etwas, worüber Sie niemals schreiben würden?

Ich achte darauf, dass ich nie etwas auf dem Blog oder im Buch schreibe, das meiner Tochter schaden könnte. Sie ist erst sieben Jahre alt und findet das alles sehr lustig. Aber ich möchte den Bullys auf dem Schulhof keine Munition fürs Mobbing geben. Ich schreibe in meinem Buch auch oft über Konflikte mit meinem Mann, aber ich warte immer, bis wir die Themen verarbeitet haben. Erst wenn wir zusammen drüber lachen können, darf auch die Welt von unserem Wahnsinn erfahren.