In der ganzen Diskussion um die Frauenquote, beim Streit um die Frage, wer denn nun eigentlich schuld daran ist, dass Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind und ob nun moralische Appelle oder gesetzlicher Zwang helfen könnten; in dieser etwas mühsamen und langwierigen Debatte also wurde ein schockierender Sachverhalt völlig vergessen: Auch Männer kommen in vielen gesellschaftlichen Bereichen kaum vor. Und wir reden hier nicht davon, dass zu wenig Männer als Krankenpfleger, Kindergärtner oder Grundschullehrer arbeiten. Viel schlimmer ist: Es gibt fast keine männlichen Sex-objekte (sieht man einmal von Cristiano Ronaldo und Brad Pitt ab). Und in der Literatur tauchen sie überhaupt nicht auf.

Kommen Sie jetzt nicht mit E.L. James’ »Shades of Grey« samt diverser Sequels oder dem Gesamtwerk von Charlotte Roche. Sowohl bei James als auch bei Roche hat der weibliche Blick auf den männlichen Körper nichts Genießerisches, Egoistisches, Aggressives, er ist in Wahrheit eine flehentliche Bitte, geliebt zu werden, ein stummer Unterwerfungsantrag. Die beiden angeblichen Sex-Expertinnen sind also – nicht nur sprachlich – weit entfernt von der lässigen Meisterschaft, in der etwa John Updike oder Philip Roth den weiblichen Körper feiern: Rabbit, Portnoy, Zuckermann und wie die Protagonisten von Updike und Roth alle heißen, können sehr gut trennen zwischen der Geilheit und Geborgenheit, dem Begehren und der Liebe, dem Sex und der Seele.

Sabine Scholl kann das auch. Der Titel ihres Buchs ist Programm. In »Mein Alphabet der Männer« präsentiert Scholl als Herausgeberin eben genau das: Männer von A bis Z, in kaum seitenlangen Geschichten reduziert auf ihren Status als Lustlieferant. Die ungenannte Erzählerin – vielleicht ist es eine Einzelne, vielleicht sind es auch ganz viele – erwartet von den Männern weder Unterhaltszahlungen noch emotionale Geborgenheit, sondern einfach nur guten, aufregenden Sex. Scholl versöhnt Eleganz und Pornografie, Feminismus und Erotik. Robert Pfaller, der Philosoph und österreichische Landsmann von Sabine Scholl, hat dem deutschen Alice-Schwarzer- Feminismus Lustfeindlichkeit vorgeworfen: Es sei kein Problem, Sexobjekt zu sein, solange man auch Sexsubjekt sein könne. »Für die Frauen ist nichts gewonnen, wenn sie im Zuge der Emanzipation ihre eigene Unfreiheit auf die Männer ausweiten«, sagt Pfaller. »Das meiste, was wir derzeit für Befreiungen oder Fortschritte halten, besteht in Wahrheit darin, dass wir die armseligen Standards der bisher Unterdrückten zur Norm für alle machen. Jeder wirkliche Sieg bestünde hingegen darin, dass die Beute, die bisher die Sieger in Händen hielten, nun allen zugänglich gemacht wird.«

An genau diese Aufgabe macht sich Sabine Scholl.