In James M. Cains Bestseller »Doppelte Abfindung« von 1936 beschreibt der Erzähler Walter Huff das grundlegende Motiv aller Cain-Romane: »Nur ein bisschen Angst, mehr braucht es nicht, dass Liebe zu Hass gerinnt.« Im Fall von Walter Huff ist es die Angst, nach einem präzise geplanten Mord doch noch entdeckt zu werden. Aber natürlich gibt es weitere Beweggründe. Es kann wie bei Mildred Pierce, der Protagonistin des gleichnamigen Romans, die Angst vor dem Alleinsein sein. Sie führt dazu, dass sie ihre geliebte Tochter Veda fast erwürgt. Bei »Abserviert«, Cains letztem Roman ist die Angst vor dem sozialen Abstieg die treibende Kraft. Sie bringt Joan, die Hauptfigur, dazu, das zu tun, was hier natürlich nicht verraten werden darf. Neben der Angst, die Liebe zu Hass werden lässt, verbindet noch etwas anderes, Cains letzten, zu Lebzeiten unveröffentlichten Roman, mit seinen Klassikern aus den 30er Jahren.

Cain, der Schöpfer des Krimi Noir, galt zu Lebzeiten vielen als einer der wichtigsten Autoren der USA – Camus hielt ihn für den begnadetsten überhaupt. Wie kein zweiter bildete Cain die jeweiligen Milieus ab, in denen seine Romane spielten, und er vermochte es meisterlich, die emotionalen Abhängigkeiten zu beschreiben, die sich aus den Beziehungen der Menschen zueinander ergaben. Diese psychologisch überzeugenden Studien bilden das Fundament seiner Prosa. Oft wiederkehrendes Motiv sind bei Cain jene Dreiecks-Konstellationen, in denen eine Femme fatale zwei Männer um den Verstand bringt, in der Habgier, Hass und falsch verstandene Liebe das Übelste der Menschen nach außen kehrt.

Und so ist Joan nicht nur eine alleinerziehende Mutter, die nach einer gescheiterten Ehe auf sich allein gestellt ist und alles für das Wohl ihres Kindes zu tun bereit ist. Sondern sie ist auch die kalt berechnende, um ihre sexuelle Anziehungskraft wissende Frau, die einen vermögenden, alten Mann heiratet und gleichzeitig eine Affäre mit einem jungen, attraktiven Träumer beginnt und bedingungslos ihren Weg geht.

Cains Frauen wissen, dass sie sich nicht auf die Männer verlassen können, und benutzen sie deswegen nur bei Bedarf für ihre Zwecke. Als Liebhaber, Geldgeber, Mörder. Damals wie heute ist die Wucht dieser Umkehrung der Kräfteverhältnisse – starke Frauen, schwache Männer – und die Kunst Cains, gnadenlose und trotzdem berührende Geschichten zu schreiben, aufsehenerregend. Seine Bücher waren Bestseller, sie wurden und werden verfilmt, wie 2011, als Kate Winslet in die Rolle der Mildred Pierce schlüpfte, und sie haben nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt.

Cains Sinn für die menschlichen Abgründe und der lakonische Stil, mit dem er den tiefen Fall seiner Figuren beschreibt, machen »Abserviert« zu einem späten, posthumen Meisterwerk. Neun Jahre lang hat der Lektor Charles Ardai aus verschiedenen Quellen und Manuskripten Cains letzten Roman zusammengefügt. Es hat sich gelohnt, und es wäre nicht verwunderlich, wenn wir Joan Medford auf der Kinoleinwand wiedersehen würden. Aber zuerst gilt es ein Buch zu entdecken, von dem Stephen King sagt: »Dieses Buch ist eine echte Seltenheit: Beststeller und literarisches Ereignis in einem.«