Kaum ein Literatur-Genre boomt so wie Fantasy – und kaum eines ist so ermüdend. Zauberer, Gnome, Drachenkrieger und sexy Elfen: In den allermeisten Fällen fragt man sich, was dieses aufgeblasene Paralleluniversum nun mit einem selbst zu tun haben soll. Aber es gibt auch eine andere Form des Fantastischen, eine, die der französisch-bulgarische Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov so bestimmte, dass übernatürliche Ereignisse nicht einfach passieren, sondern durch einen Riss in der Erzähl-Realität gekennzeichnet sind: Die Protagonisten sind sich selbst nicht einig, womit sie es zu tun haben, sie zweifeln, zögern, zaudern – und genau das setzt die Geschichte in Gang. Diese Literatur wälzt ihren Stoff nicht platt, sondern kreist um dessen Geheimnis. Todorov bezieht sich auf E. T. A. Hoffmann, zu denken wäre natürlich auch an H. P. Lovecraft, den dunklen Meister der schrecklichen Möglichkeiten. Und auch die Geschichten von Sven Amtsberg spielen in diesem Zwielicht. Amtsberg ist mit der drögen Alltagsrealität sowieso auf Kriegsfuß, was man schon daran erkennt, dass er in Hamburg Stadtführungen mit erfundenen Ereignissen garniert. In seinen »paranormalen« Geschichten – von der F.A.S.H.- Zeichnerin Kat Menschik mit souveränem Strich kongenial illustriert – berichtet er von Dingen, die eigentlich nicht sein können, bettet das aber in einen Rahmen ein, dass sich die Frage aufdrängt: »Und was wäre, wenn es nun doch stimmt?« Was dabei herauskommt, ist übergriffige Poesie: kleine, beunruhigende Gedankenspiele, die eines Nachts in unseren Träumen auftauchen werden.
Wie dieses Stück hier:

Meer und Mutter »Meeresepiphanie«

Meine Geschichte klingt seltsam. Das weiß selbst ich. Und ich würde sie für mich behalten, wäre ich nicht so verzweifelt.
Ich bin in den Bergen groß geworden. Meine Knie sind braun und schartig von der ständigen Sonne, denn die Kuppel unseres Berges ragt über die Wolkendecke hinaus. Hier scheint immer die Sonne. Nur zu Weihnachten tragen wir lange Hosen. Wir sprechen langsam, weil jedes Wort ein Echo gibt, das erst verklingen muss, bevor wir das nächste Wort sagen können, sonst würde es vom Echo des vorherigen geschluckt werden, und man verstünde uns nicht. Man versteht uns ohnehin oft genug nicht. Wir sprechen insgesamt langsam, jedes Wort an sich aber hastig und kantig, so dass es kaum von den Talwänden abprallen kann.
Meine Mutter stammt aus Norddeutschland. Mein Stiefvater hat sie in die Berge gelockt, da war ich acht. Meine Mutter hatte es mit den Lungen und gehofft, auf einem Berg würde es besser werden. Mit einem kleinen Pappkoffer, in dem sich das Matrosenhemd ihres Vaters und das zerknickte Bild des Meeres befanden, war sie mit mir hierhergekommen und musste bald schon feststellen, dass sie nicht für die Berge gemacht war. Sie vermisste das Meer derart, dass sie heimlich weinte und ihre Tränen aufbewahrte.
»Tränen und Meerwasser sind gar nicht so verschieden«, erklärte sie mir, und als ich alt genug zum Weinen war, bat sie auch mich, zu weinen, damit sie noch mehr Meerwasser zusammenbekam. Sie hatte heimlich hinter dem Haus ein tiefes Loch gegraben, es mit einer Plastiktüte aus einem Angelbedarfsladen ausgekleidet und mit Brettern abgedeckt. Dort versteckte sie ihr Meer vor meinem Stiefvater. Nachts, wenn er schlief, gingen wir mit den Einmachgläsern, in denen wir ihre und später auch meine Tränen sammelten, dorthin und leerten sie darin aus. Manchmal setzte sich Mutter in ihrem Badeanzug hinein, und ich musste das kalte Meerwasser schöpfen und über sie schütten. Musste Rauschen und Möwen nachahmen, Brandung und Gischt. Tatsächlich
sah ich meine Mutter selten so glücklich wie in diesen Momenten. Oft machte ich Fotos von ihr, die ich vor meinem Stiefvater versteckte. Er kam aus den Bergen und sagte: »Wennst vonnem Berg kümmen tost, dann konnst gor ni anders als wie dorrer Meeren hasse due.«
Zu Mutter hatte er damals gesagt: »Mi nodder dess Meer.«
Mutter musste ihn einmal sehr geliebt haben. Sie hatte gedacht, sie könne leichter auf das Meer verzichten als auf diesen Mann. Doch nun fehlte ihr das Meer, und mit jedem Tag wurde es schlimmer. War mein Stiefvater auf der Arbeit, las sie Bücher über das Meer und malte blaue Aquarellbilder. Manchmal ließ sie das Wasser im Badezimmer laufen und lauschte mit geschlossenen Augen dem Rauschen. War es ganz schlimm, erklomm sie den höchsten Gipfel und versuchte von dort aus mit einem Fernglas das Meer zu sehen.
Mutter hatte Heimweh, doch alles, was mein Stiefvater dagegen unternahm, war, ihr immer größere Ferngläser zu schenken, durch die sich das Meer aber trotzdem nicht sehen ließ. Unser Berg war zwar hoch, aber das Meer zu weit weg, und Mutters Unmut wuchs. An ihren Geburtstagen lief mein Stiefvater im Matrosenhemd herum. Es war das einzige Zugeständnis, und immer häufiger hörte ich die beiden miteinander streiten. Mutter, die schrie: »Ich hab’ das Meer für dich aufgegeben, und was hast du getan?« Alois, der etwas antwortete, was ich nicht verstand.
Nicht sehr viel später begann es dann, Mutter wurde krank. Bleich lag sie im Bett und sah aus dem Fenster. Sie hatte mich gebeten, die Beine des Betts abzusägen, damit sie tiefer läge, denn von dort unten sähe der Himmel über den Bergen an manchen Tagen wie das Meer aus. Manche Vögel seien sogar fischähnlich, und jeden Freitag ging ich runter ins Tal auf den Markt, um dort Matjes zu kaufen, die ich an einer Wäscheleine quer durchs Zimmer aufhängte, um ihr Heimweh zu lindern. Doch es wurde nicht besser.
Doktoren kamen. Dralle Männer in kurzen Lederhosen. Sie diagnostizierten alles Mögliche bei ihr. Angefangen von einem Frauenleiden, über Bergkoller bis hin zu einer Angina Maris, einer seltenen Krankheit, die sich eben genauso äußere wie bei Mutter, so die Ärzte.
Immer wieder erbrach Mutter. Mir war aufgefallen, dass das, was dann aus ihr kam, salzig roch. Und war es anfangs nur ein Verdacht, so stutzten wir beide, als sie mir eines Tages einen kleinen Fisch präsentierte, den sie am frühen Morgen erbrochen haben wollte und der sich trotz allem bester Gesundheit erfreute. Sie nannte ihn Sabine. Wie ihre beste Freundin, die sie am Meer hatte zurücklassen müssen. Sabine war ein kleiner fröhlicher Guppy, den sie in einem Marmeladenglas unter dem Bett aufbewahrte, und der tagsüber, wenn mein Stiefvater in den Bergen war, um Ziegen zu hüten, auf der Fensterbank stand und lustig umherschwamm. Manchmal hörte ich Mutter mit ihm reden. Auch wenn sie noch immer sehr schwach war, so schien die Gesellschaft des Fisches sie doch ein wenig aufzumuntern.
Und noch andere Fische wurden aus meiner Mutter gespült, sowie kleine Quallen, Muscheln, ein Seestern, den ich in das kleine Meer setzte, wie wir unser verstecktes Meer nannten.
Wenn wir uns nie ernsthaft um Hilfe bemühten, dann wohl auch, weil Mutters Heimweh ein wenig gelindert wurde. Wann immer ich sagte, so könne es doch nicht weitergehen, bat Mutter mich, noch ein paar Tage zu warten, denn so unheimlich dieser Umstand auch war, so wirkte sie doch glücklicher als in all den Jahren davor. Irgendwie war das Meer zu ihr gekommen. Niemand wusste, wie, und ich grub ein neues Loch, größer als das alte, für Mutters Meer, das sie jeden Tag in Eimern auffing.
Sie hatte mich gebeten, eine Probe ihres Wassers an ein Meeresinstitut in Norddeutschland zu schicken, was ich getan hatte, und kurz darauf kam die Bestätigung: »Sehr geehrter Herr Mulching, bei diesem Wasser handelt es sich zu 99,9 % um Meerwasser. Hochachtungsvoll, Ihr Peter Prüssen.«
Mutter weinte, und hatte ich sie auch unzählige Male weinen sehen, so war es diesmal anders. Sie lachte dabei, während sie den Kopf schüttelte, sodass ihre Tränen glitzernd durch das Zimmer flogen. Als ich wie sonst auch ein Einmachglas holen wollte, um die Tränen zu sammeln, sagte Mutter: »Nee, nee, lass ma. Die nicht.«
Mein Stiefvater merkte nichts von alledem. War er bei den Ziegen, dann trank er, um auf dem Berg nicht seinen Gleichgewichtssinn zu verlieren: »Hatts mittem Drummelfälle zu tun«, erklärte er, »mittes Memmbramm und dorer Dinger.«
Erst am Abend im Tal überkam ihn das Schwanken, und er verlor das Gleichgewicht, dann kehrte er heim. Er trug eine große Glocke mit sich, die er mit letzter Kraft läutete, kaum war er am Fuße des Berges angelangt. Woraufhin ich mit Boschi, dem Bernhardiner, loslief, um den Stiefvater zurück zur Hütte zu schleifen, wo ich ihn wusch und ins Bett legte, sodass er sich am nächsten Morgen wieder aufmachen konnte auf den Berg. Manchmal ließ ich den Bernhardiner bei ihm schlafen, damit er ihm Mutter vorgaukelte. Der Stiefvater war glücklich. Mutter nicht.
Mutter schluckte Tabletten gegen Seekrankheit. Sie bat mich, in ihr zu angeln, um das, was da in ihr war, herauszuholen. Sie hockte auf dem Boden, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund weit aufgerissen. Ich stand auf einem Stuhl und ließ mit meiner Angel den Haken samt Wurm in sie hinabgleiten. Wartete, kurbelte ihn dann wieder hoch. Ein Hering hatte gebissen, und ich zog noch mehr aus ihr. Stint und Schlei, Krabben und Krebse.
Nachts, wenn mein Stiefvater schlief, schlich ich zu Mutter, um bei ihr zu wachen. Sie hatte mich darum gebeten. Denn immer würden sich nachts, wenn sie vom Meer und offener See träume, Meerestiere aus ihr zwängen, und je größer ihre Sehnsucht werden würde, um so größer würden auch diese Tiere, so sagte sie. Sie hatte Angst, daran zu ersticken. Erst neulich hatte sie mir einen kleinen Hecht präsentiert.
So saß ich also in den Nächten bei ihr. Meine Mutter schlief auf dem Bauch, ein Arm und der Kopf über der Bettkante, der Mund weit geöffnet, und tatsächlich fielen immer wieder glitzernde Fische mit einem Platschen aus ihr heraus. Sie zappelten auf dem Schlafzimmerboden und schnappten nach Luft. Ich nahm sie und schmiss sie in den Eimer. Ein paar Nächte ging es so. Wir wussten schon nicht mehr, wohin mit all dem Meer und dem Fisch. Nachts wachte ich, am Tage grub ich. Sah bleich und erschöpft aus. Selbst mein Stiefvater merkte es und rief: »Moi, siekst bloi oas.« Er schlug mir ein paarmal auf die Wangen, sodass sie sich rot verfärbten. Damit war das Problem für ihn gelöst.
Manchmal war ich so erschöpft, dass ich auf dem Hocker, auf dem ich vor meiner schlafenden Mutter saß und ihr in die dunkle Mundhöhle starrte, einschlief und erst durch das Klatschen und Zappeln des Fischs geweckt wurde. Oder durch Mutter, die mit der flachen Hand gegen das Bett schlug und mich aus großen, weißen Fischaugen anzusehen schien, wenn wieder einmal ein Fisch in ihr steckte, der so groß war, dass sie ihn allein kaum rausbekam. Ich trug Haushaltshandschuhe aus Gummi. Mit denen packte ich die Fische und zog sie mit einem Ruck heraus.
Ein paar Wochen ging es ganz gut so. Helfen konnte uns niemand. Mein Stiefvater hätte es einfach nicht begriffen. Wir begriffen es ja selbst nicht.
In jener Nacht hörten wir von ferne ein Fiepen. Erst wussten wir gar nicht, was es war, und dachten, es wären die Berge, die nachts manchmal knackten und pfiffen und sich auszuschütteln schienen, bevor sie dann am nächsten Tag wieder steif und stumm dastanden und unverrückbar taten. Doch als ich mein Ohr auf Mutters Bauch legte, war es noch deutlicher zu hören. Es kam aus ihr. Es wurde lauter. Mutter hockte auf der Bettkante, die Hände auf die Knie gestützt. Den Mund so weit aufgerissen, wie es ging.
»Was ist es?«, fragte ich noch, doch da sah ich sie schon, die spitze Schnauze eines Delphins, der immer wieder hervorstieß, um sich aus Mutters Mundhöhle zu quetschen. Mutter versuchte ihren Mund mit den Händen weiter aufzureißen. Ihr Gesicht war rot. Die Augäpfel traten hervor. Ihr Oberkörper bäumte sich auf. Die Bewegungen des Delphins wurden zu den Bewegungen meiner Mutter. Bis es plötzlich ein lautes Knacken gab, und der Delphin schob sich fiepend nach draußen ins Zimmer. Mutter schrie auf. So laut, dass mein Stiefvater betrunken und tumb ins Zimmer wankte. Erst Mutter, dann mich, dann den Delphin ansah. »Wos sull dess nu bitte son? A Tümmli? Nuffe a Berg?«
Später saßen wir zu viert im Wagen. Mutter und mein Stiefvater vorne. Ich und der Delphin hinten. Niemand sagte etwas. Stunden fuhren wir, bis wir am Meer waren. Dort hielt mein Stiefvater kurz an, ließ den Motor laufen und wartete, bis Mutter, der Delphin und ich ausgestiegen waren. Dann fuhr er wieder zurück.
Wir hievten den Delphin ins Wasser. Der Delphin fiepte. Mutter lächelte.