Du bist Daumenkinograph – wie kam es dazu?
Ich habe an der Filmhochschule Babelsberg Kamera studiert. Der Wunsch, Geschichten mit Bildern zu erzählen, ist also alt bei mir. Mein erstes Daumenkino habe ich 1998 gemacht. Es war eigentlich sehr naheliegend: Ich hatte eine analoge Spiegelreflexkamera mit Motor, eine Nikon F3, und wunderte mich, dass ich noch nie auf die Idee kam, alle 36 Bilder in 12 Sekunden zu belichten.
Ein Mini-Film sozusagen …
Genau. Und was an diesem Vorgehen tatsächlich neu ist: Ich überlege mir vorher nicht, was passieren soll – sondern überrasche Menschen damit, dass ich sie so oft fotografiere. Dann kommt es immer zu sehr schönen Übersprungshandlungen bei den Porträtierten – auch aus Verzweiflung darüber, dass ich nicht aufhöre, sie zu fotografieren. Auf diese Weise komme ich zu sehr wahrhaftigen Momenten.
Wie entsteht dann aus dieser Fotoserie ein Daumenkino?
Die Fotos ziehe ich auf kartonstarkem Barytpapier ab, beschneide und binde sie. Fertig ist das Daumenkino. Das Tolle ist: Aufgrund der geringen Größe, aber auch, weil man keinen Strom und keine Abspielgeräte braucht, fordert das Daumenkino quasi dazu auf, herumgetragen zu werden.
Das ist der eigentliche Clou daran: Du behauptest, es bestehe ein Zusammenhang zwischen Daumenkinos und Wanderschaft.
In der Tat. Der Film- und Medienwissenschaftler Joachim Paech hat festgestellt, dass das filmische Sehen von dem Blick aus der fahrenden Eisenbahn, die ein paar Jahrzehnte zuvor erfunden wurde, vorweggenommen wurde. Seine These: Die Art des Sehens aus dem Waggonfenster – man wird unbewegt bewegt und blickt durch eine Scheibe auf eine vorbeiziehende Landschaft – korrespondiert mit dem Betrachten eines Films auf der Leinwand im Kino. Da dachte ich mir: Dann muss es auch eine Fortbewegungsmethode geben, die dem Daumenkino entspricht. Und das kann nur das Gehen sein. Der Fußgänger bewegt sich mit seinem individuellen Tempo, für das alleine er verantwortlich ist, durch die Landschaft. Er macht damit genau das, was die Leute, die Daumenkinos durchblättern, auch tun.
So kamst du auf die Idee, mit Bauchladen und Daumenkinos auf Wanderschaft zu gehen.
Ja. Zuerst tingelte ich mit meiner mobilen Ausstellung durch Berlin. Ich zeigte meine Kinos den einschlägigen Leuten, also denen, die an Subkultur interessiert sind. Irgendwann aber war mir das zu wenig. Ich wollte wissen, ob ich es schaffen würde, auch außerhalb dieser Gesellschaftsschicht vom Zeigen einer Daumenkino-Ausstellung überleben zu können. Und da ich schon immer mal eine große Reise machen wollte, aber nie das Geld dazu hatte, entschied ich mich, mit den Daumenkinos auf Wanderschaft zu gehen.
Entscheidend dabei ist: ohne Geld.
Genau. Ich lebe auf Wanderschaft nur von dem, was mir die Betrachter meiner Daumenkinos geben, und schlafe in meinem Zelt. Manchmal werde ich auch für eine Nacht eingeladen.
Ist das nicht wahnsinnig anstrengend?
Natürlich ist es anstrengend, in eine unbekannte Kneipe zu gehen und dort Fremde anzusprechen, ob sie Daumenkinos sehen wollen. Doch so zwinge ich mich, auf Leute zuzugehen, weil ich mich nicht hinter meinem Portemonnaie verstecken kann. Das Wichtigste an der ganzen Wanderschaft ist, dass ich auf diese Weise Menschen kennenlerne, von denen ich zum Teil wieder Fotos für neue Daumenkinos mache.
Wie läuft das genau ab?
Wenn ich merke, dass mich der Mensch interessiert, dann frage ich, ob ich ihn fotografieren darf. Das Interessanteste aber sind die Geschichten, die ich dabei erfahre. Die sind auch ein sehr wesentlicher Bestandteil meiner Bühnenauftritte, bei denen ich von meinen Reisen erzähle.
Wie lange bist du unterwegs?
Inzwischen habe ich Kinder und beschränke mich meist auf vier Wochen. Ich durchwandere den gesamten deutschsprachigen Raum. Das Schönste ist für mich, dass ich immer wieder mit ganz überraschenden Begegnungen beschenkt werde. Es mag etwas abgegriffen klingen: Aber ich lerne auf Wanderschaft viel über das Leben.

Alter Mann mit Baseballmütze
»Über den Zaun seines Gartens fragt Alfred Voigtländer, wo ich mit meinem Gepäck hin will. ›Nach Zürich‹, sage ich. Er lädt mich in sein Haus ein. Dort zeigt er mir alle Fernsehprogramme, die er empfangen kann, und seine bunten Anzüge im Schrank. Alfred schenkt mir Brot, Schokolade, Leberpastete, Zucker, Kaffeesahne und einen Schnaps. Zum Abschied winkt er mir. ›Die Fotos, die Se jemacht ham, bezahl’ ick Ihnen. Ick hab’ jenuch Jeld. Ick hab’ in meinem Leben immer allet bezahlt.‹«

Mädchen mit langen und mit kurzen Haaren
»Als ich Antonia auf der Straße nach dem Weg frage, sucht sie gerade eine Steckdose für ihre Haarschneidemaschine. Antonia hat beschlossen, sich die Haare von ihren Freundinnen abschneiden zu lassen. Jetzt hat sie keine Zeit zu verlieren, weil sie Angst hat, es sich doch noch anders zu überlegen. Antonia schließt die Augen. Erst wenn die Haare ab sind, will sie sich wieder anschauen.«