Dotschy Reinhardt, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch neben dem globalen »Gypsy Pop« über die alltägliche Diskriminierung von Sinti und Roma. Woher stammt der herabsetzende Begriff des »Zigeuners«?
Nun, die Stigmatisierung der Sinti und Roma reicht bis in das frühe Mittelalter. Schriftsteller, Maler und Musiker wurden durch das geheimnisumwitterte Volk zu wildesten und abgründigsten Verschwörungstheorien inspiriert. Kirche und Politik hetzten damals wie heute gerne gegen Sinti und Roma, schürten Ängste und sicherten sich so Wählerstimmen oder Mitglieder. Das alles führte zu Exotisierung und zu Klischees, die sich bis heute in der Beurteilung der Minderheit und im Wort »Zigeuner« hartnäckig halten.
Wie beeinflussen diese Klischees das Leben der Sinti und Roma?
Die Klischees haben mit dem Leben der meisten Sinti und Roma gar nichts zu tun, sie haben daher nur einen Zweck: Das tief sitzende Bild des »Zigeuners« zu untermauern und Leute in ihrem Unwissen zu bestärken. So wird etwa eine »Zigeunerin« halb nackt, feurig, schamlos und gleichzeitig als den Männern unterwürfig in allen Geschäftsbereichen repräsentiert. Die Folge ist, dass die Mehrheitsgesellschaft unser Aussehen und unsere Traditionen weniger respektieren und uns nicht als gleichberechtigte Bürger in den Ländern wahrnehmen, in denen wir schon seit Jahrhunderten leben.
Wie ergeht es Ihnen selbst als Sinteza in Deutschland?
Zuerst einmal muss ich sagen, dass meine Wurzeln als Sinteza kein Widerspruch zu meiner deutschen Identität sind. Ich beziehe mich also auf meine Person und nicht auf meine Herkunft. Aber ich rege mich natürlich darüber auf, wie einseitig Sinti und Roma in den Medien repräsentiert werden. Auch gibt es hie und da Veranstalter und Publikum, die darüber enttäuscht zu sein scheinen, dass eine Zigeunerin eher den unterkühlten »Bossa Nova« anstatt den feurigen »Csárdás« spielt.
Was suchen die Leute in diesen Stereotypen?
Nichts gegen sexy Fiedler, aber es ist schon auffällig, dass die feurige »Zigeunerin« und der glutäugige »Zigeuner« als Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche und mangelnde Selbstverwirklichung eigener Leidenschaften herhalten müssen. Ein »Zigeuner« darf schließlich unmoralisch sein, nicht so der Saubermann.
Der Saubermann feiert ja seit längerer Zeit zu »Balkan Beats« und »Gypsy-Swing«, also zu »Gypsy-Pop«-Spielarten, die gerade hip sind. Trotzdem werden in ganz Europa Sinti und Roma diskriminiert. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz?
Für Angehörige dieser Minderheit ist das nichts Neues. Selbst im KZ ließ man Zigeuner- und Judenkapellen spielen, und die Nazis erfreuten sich an deren Kunst. Heute werden die Roma aus der EU von der CSU mehr oder weniger als Schmarotzer dargestellt, deren Anwesenheit den Untergang Deutschlands bedeute. Viele Menschen sind dieser Meinung. Andererseits stellt man sich auf die Bühne und spielt selbst den »Balkan-Gypsy-Beat« oder den »Gypsy-Swing«, natürlich in verfälschter Form.
Wie sieht für Sie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Kultur von Sinti und Roma aus?
Man sollte berücksichtigen, dass unsere Kultur so vielfältig und unterschiedlich ist wie die Sinti und Roma es selbst sind. Ein Roma-Musiker aus Bulgarien hat höchstwahrscheinlich ein anderes Musikverständnis als ein Sinto-Musiker aus Deutschland. Die Sinti und Roma sind sehr mit den kulturellen Gebräuchen der Länder, in denen sie beheimatet sind, verbunden. In die Gypsy-Schublade passt unsere Kultur jedenfalls nicht rein.
Und trotzdem, könnte diese Schublade nicht helfen, Vorurteile abzuschwächen?
Man darf sich da nichts vormachen, solange die Parteien in Deutschland und die EU in Europa nicht Voraussetzungen für eine menschenwürdige Existenz der notleidenden Roma schaffen, werden die Vorbehalte gegenüber Sinti und Roma nicht weniger werden oder gar verschwinden. Ich befürchte sogar, dass der Rassismus zunehmen wird. Dennoch ist es sehr wichtig, dass Musiker sich gegen diesen Rassismus aussprechen und klarmachen, dass es verdammt uncool ist, einen Menschen aufgrund seiner Herkunft zu verurteilen. Ich finde es enorm wichtig und nachahmenswert, Solidarität mit den Schwächeren zu signalisieren.

Sinti- und Roma-Musik weltweit:
Sinit- und Roma-Musik weltweit
Deutschland
Das Herz der deutschen Sinti- und Roma-Musikszene schlägt unter anderem in Berlin. Von dort kommen Musiker wie der Sinto-Jazzgeiger Martin Weiss oder das Plattenlabel Asphalt Tango, das osteuropäische Roma-Musik weltweit bekannt gemacht hat. Eine der bekanntesten deutschen Sinteza ist Marianne Rosenberg, die lange über ihre Wurzeln geschwiegen hat.
USA
Die bestimmende Figur der amerikanischen Szene ist Eugene Hütz, Sänger und Bandleader der Band Gogol Bordello und Erfinder des Gypsy-Punk. Eugene Hütz wohnt in New York, genauso wie Serdar Ilhan, Musiker und Besitzer des Multi-Kulti-In-Clubs Drom und Veranstalter eines jährlich stattfindenden Gypsy-Festivals.
Rumänien
Rumänien hat eine vielfältige Sinti- und Roma-Musikszene. Eine Band von dort brachte es zu Weltruhm. Fanfare Ciocarlia spielen Balkan-Brass, zu ihren vielen Fans gehört auch Johnny Depp.
Frankreich
Paris war die Heimatstadt des Jazzgitarristen und Malers Django Reinhardt. Er gilt als Erfinder des Gypsy-Swings und Begründer des europäischen Jazz. Seine Gitarre hängt im Pariser Musik Museum neben der Geige Paganinis. Djangos Enkel David Reinhardt trägt heute das Erbe seines Großvaters weiter.
Spanien
Aus Spanien kommt die bekannteste Gypsy-Band der Welt, die Gypsy Kings, und der bekannteste Flamenco-Tänzer der Welt Joaquín Cortés. Beide zeigen, dass man als bekennender Roma erfolgreich sein kann, ohne die verbreiteten »Zigeuner«-Klischees zu erfüllen.