»Chick-Lit« wird gemeinhin als abwertender Begriff gebraucht: anspruchslose Literatur, die man am Swimmingpool schnell runterlesen kann. Nichts Wichtiges also. Wieso so etwas angeblich nur Frauen, also »chicks«, lesen sollen, kann man diskutieren. Man kann den Begriff aber auch einfach umdefinieren: als Literatur über das Leben, Lieben und Leiden junger, leicht neurotischer Großstadtbewohnerinnen.

Der Typus ist inzwischen bestens bekannt – und beliebt: Bridget Jones, Carrie Bradshaw aus »Sex and the City«, die Mädchen aus der neuen HBO-Erfolgsserie »Girls«. All diese »chicks« aber haben eine Urahnin. Die stammt aus der Feder der New Yorker Autorin Gail Parent. Diese wiederum ist ein Schwergewicht in der amerikanischen Humor-Szene. Da sie aber vor allem als Screenwriter aktiv ist (von ihr stammen etwa die »Golden Girls« oder alle Witze von Tracey Ullman), hierzulande noch völlig unbekannt. Mit Sheila Levine, erstmals 1972 veröffentlicht, schuf sie eine der witzigsten Figuren der jüngeren amerikanischen Literatur. Sheila, 30, pummelig, aus einer jüdischen Familie in Manhattan, hasst die Welt. Weil es mit den Männern nicht so klappt und weil es daneben auch noch verdammt viele Gründe gibt, die dummen Menschen, die einen umgeben, zu verachten. Das macht sie mit einer solchen Hingabe, mit einer solchen Begabung in Sachen Beobachtung, Schlagfertigkeit und Bösartigkeit, dass es an sich schon die helle Freude ist, das zu lesen. Dass man mit »Sheila Levine ist tot und lebt in New York« noch ein wunderbares Sittengemälde des wunderbaren Manhattan der 1970er bekommt, macht die Sache nur noch besser. Männer, die sich für diese »Chick-Lit« nicht interessieren, sind selbst schuld.

Hier eine kleine Kostprobe von Sheilas Sicht der Dinge:
***
Ich lebte, als ich noch lebte, 211 East Twenty-fourth Street, davor East Sixty-fifth Street, davor West Thirteenth Street, davor Franklin Square, Long Island, davor Washington Heights. Das heißt, es gibt knapp hunderttausend junge jüdische Mädchen wie ich, alle mit Haaren, die geglättet, und Nasen, die gerade gerichtet werden müssen, und alle auf der Suche nach einem Mann zum Heiraten. ALLE AUF DER SUCHE NACH EINEM MANN ZUM HEIR ATEN. Also hört zu, ihr jüdischen Hübschen da draußen, es gibt gute Nachrichten! Eure Chancen haben sich verbessert. Sheila Levine scheidet aus dem Rennen aus. Sie wird nämlich aus dem Leben scheiden. Warum sollte ein nettes jüdisches Mädchen eine solche Dummheit begehen und sich umbringen? Warum? Ganz einfach, es reicht. Zehn Jahre meines Lebens habe ich damit verbracht, einen Mann fürs Leben zu finden, das reicht. Mir ist klar geworden, für mich ist nichts mehr drin. Kommt schon, ich hab nie auch nur die geringste Chance gehabt.
***
AUF DER EAST SIDE MANHATT ANS, unweit von Bloomingdale’s, hat vor ein paar Jahren ein Mann einen Laden aufgemacht, wo er Diätshakes verkaufte, wunderbar schokoladige Milchshakes mit nur 77 Kalorien. Kein Wunder also, dass Scharen von dicken, jungen Dingern herbeigeströmt kamen und über Mittag eine Schlange um den ganzen Block bildeten. Nur 77 Kalorien und der Himmel auf Erden! Ich gehörte zu denjenigen, die sich jeden Tag gleich zwei zum Lunch bestellten. Viele Mädchen haben den Mann gefragt, was denn in dem Drink drin sei. Der lächelte aber nur und sagte: »Geheimrezeptur«. Den Mädchen kamen aber doch Zweifel, ob die Shakes tatsächlich nur 77 Kalorien enthielten. Sie bildeten ein Komitee und wandten sich an die Gesundheitsbehörde (oder an welche Behörde man sich in einem solchen Fall wendet). Der Mann wurde von der Lebensmittelüberwachung (oder von welcher Institution auch immer) überprüft. Und die Shakes enthielten mehr als 280 Kalorien! Wie konnte er nur! »Wie konnte er nur so schamlos lügen!« Die Empörung war groß. Ich werde aus dem Leben scheiden. WER WILL SCHON IN EINER WELT LEBEN, IN DER SOLCHE LÜGEN ÜBER KALORI ENZAHLEN ZIR KULIEREN?
***
Mit hochgenommen hab ich ihn nicht.
(Ich) »Ich danke dir, war wirklich nett.«
(Norman) »Ich fand’s auch nett. Wie schaut’s nächstes Wochenende aus?«
(Ich denke …) Hast du sie noch alle? Kann wohl nicht dein Ernst sein? Ich will dich nie wieder sehen, nie wieder, hörst du. Hau einfach ab, vergiss aber deine Flecken nicht! Du lässt den ganzen Bau schäbig aussehen.
(Ich sage) »Nichts lieber als das, Norman, es geht aber beim besten Willen nicht, nächstes Wochenende wasch ich mir die Haare.«
(Norman) »Und das Wochenende drauf?«
(Ich denke …) Nun geh schon. Du allein könntest diesen Prachtbau in einen Slum verwandeln.
(Ich sage) »Tut mir echt leid, aber das Wochenende drauf fahr ich nach Hause, zum Franklin Square.«
(Norman) »Ich könnte ja mit rauskommen, und wir könnten im Park spazieren gehen oder so was.« (Er will sich schon wieder in Unkosten stürzen.)
(Ich, nicht mehr in der Lage, mir was auszudenken) »In Ordnung.«
***
Man hat sozusagen die Qual der Wahl, wenn man sich umbringen will. Für mich rangierten Pillen immer an erster Stelle. Schien mir eine saubere Sache zu sein. Sie waren am einfachsten zu beschaffen. Mit einer Knarre ist es eine Riesensauerei. Und wie soll das mit einer Knarre gehen? Keiner in meiner näheren Verwandtschaft hat jemals eine angefasst. Um beim Thema zu bleiben, wie soll das mit einem Strick gehen? Mit einer Rasierklinge? … Ja, vielleicht … ich weiß nicht recht … I ch hab einen elektrischen Rasierapparat. Pillen scheinen also doch am sichersten zu sein. Natürlich gibt es auch ganz dramatische Abgänge, Springen zum Beispiel. Das Springen selbst würde mir nichts ausmachen. Aber auf dem Boden aufschlagen wäre weniger meine Sache. Und dann, von wo runterspringen? Ich arbeite im zweiten Stock, und ich wohne im dritten. Schließlich kann man ja nicht einfach in ein fremdes Büro oder in eine fremde Wohnung platzen und fragen, darf ich den Sims benutzen …