Das Leben besteht aus Abzweigungen. Gehe ich links? Gehe ich rechts? Was wäre geschehen, wenn ich den einen und nicht den anderen Weg eingeschlagen hätte? Jeden Tag treffen wir Entscheidungen, die unseren Biografien einen eigenen Verlauf geben. Doch nur an wenigen Punkten werden die Auswirkungen der Wahl sofort offenbar. Donald Edward Talbott Hardy kam an einen solchen Punkt im Jahr 1966. Er hatte gerade einen sehr guten Abschluss an der Kunsthochschule von San Francisco gemacht, war 21 Jahre alt, hatte geheiratet, einen Sohn und einen Lehrauftrag der Uni Yale bekommen. Es wartete ein abgesichertes Leben auf ihn, mit regelmäßigem Einkommen und allen Vorteilen des interessanten Lehralltags an einer Eliteuniversität. In Yale hätte er sich außerdem weiter der Druckkunst widmen können, die er studiert hatte. Nicht unwahrscheinlich, dass er ein erfolgreicher bildender Künstler geworden wäre, so wie die Yale-Absolventen Richard Serra und Chuck Close. Doch Ed Hardy, wie er sich später nannte, nahm eine andere Abzweigung.

Er war schon während seiner Zeit am San Francisco Art Institute in die Lehre bei Phil Sparrow, einem schwulen Schriftsteller und Tätowierer, gegangen. Hardy wollte eine alte Leidenschaft professionalisieren, die ihn schon im Alter von 10 Jahren erwischt hatte: das Tätowieren. Als frühpubertierender Junge hatte er bereits mit dem Kajalstift seiner Mutter Bilder auf die Haut von Nachbarsjungen gemalt, bei Sparrow, der eng mit Gertrude Stein befreundet war, wollte er lernen, wie man diese Bilder unter die Epidermis ritzt. Sparrow erkannte schnell, dass Hardy Talent hatte, und ermunterte ihn, Tätowierer zu werden. Hardy ließ sein Wissen von der Kunsthochschule in seine Tätowierungen einfließen (besonders begeistert war er von Dürer) und übertrug den Strich des Pinsels auf die Nadel. Außerdem faszinierte ihn die Halbwelt, die er über das Tätowieren und mit Sparrow betrat. Biker, Kriminelle, Prostituierte, Schwule, Künstler, Musiker, nur die Subkultur trug Tattoos. Als Tätowierer arbeitete man abseits des Mainstreams (in New York City und einigen amerikanischen Staaten war Tätowieren bis in die 80er Jahre verboten), man war Außenseiter.
Es war das Gegenteil einer Karriere in Yale, es war der steinige Weg, der meistens aufregender ist. Ed Hardy mochte das Risiko, das Auf und Ab des Lebens, das Wiederaufstehen nach einem Rückschlag – er ist bis heute begeisterter Surfer, er wählte den Pfad des Tätowierers. Dieser ließ ihn die erwachende Popkultur Kaliforniens der 60er und 70er Jahre passieren: Acid Heads, Beat-Poeten, Psychedelic Rocker und Surfer Boys kamen zu ihm, um sich für die Ewigkeit kennzeichnen zu lassen. Soldaten trugen seine Drachen und Herzen auf die Schlachtfelder dieser Zeit, nach Vietnam und El Salvador. Er tätowierte in einem Studio in San Diego, von wo aus GIs und Navy Seals in den Krieg zogen und aus ihm zurückkehrten. Heute sagt Ed Hardy, dass es wohl kaum eine amerikanische Stadt geben dürfte, in der nicht mindestens einer der Bewohner eines seiner Tattoos trägt. Es waren seine Lehrjahre, während denen er auch in sein Sehnsuchtsland Japan kam. Dort verfeinerte er den Stil, der ihn letztendlich berühmt machte: die Mischung aus traditioneller japanischer Tätowierkunst und Americana.
Erst Mitte der 70er Jahre machte er seinen ersten eigenen Laden auf. Er tätowierte nur nach Termin, bot keine vorgefertigten Tattoos mehr an, nur noch eigene Designs. Sammler kamen zu ihm, die ihre Körperbilder-Kollektion berühmter Tätowierer erweitern wollten. Millionenschwere Geschäftsleute waren unter ihnen, deren Kick es war, sich bis zu Hemdkragen und Manschette bemalen zu lassen, so dass nur sie wussten, was sich unter ihrer Business-Uniform verbarg – ihr zweites, klandestines Leben, das mit der Oberfläche nicht verbunden war. Ed Hardy war und ist Zeuge, wie aus einer Außenseiter-Kunst, deren Besonderheit es ist, dass sie sich mit dem Welken der Leinwand verändert und letztendlich mit deren Tod verschwindet, dass sie nicht ewig währt und nur als Foto ausgestellt werden kann, also nie museal wird, ein Accessoire der Masse wurde. Der Erfolg riss ihn mit, machte ihn reich, und Ed Hardy kam wieder an einen Punkt, wo er sich entscheiden musste.

Dieses Mal war es der falsche Pfad, er veränderte den Ruf seines Namens. Was Ed Hardy war, wird bestimmt von dem Bild, das sein Name heute transportiert: Paris Hilton und andere Prominente in einem Totenkopf-T-Shirt mit der Aufschrift »Love Kills Slowly«. Wie das passieren konnte, davon erzählt dieses Buch.