Es sind Sätze wie dieser, mit denen Alen Mešković den Medienkonsumenten zwingt, genau hinzuhören: »Die Lage ist schön. (…) Direkt am Wasser.« Der Satz wäre nicht der Rede wert, ginge es nicht um ein Flüchtlingscamp im jugoslawischen Krieg: »Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad mit Toilette. Wir essen im Restaurant. Es soll das beste Lager in ganz Kroatien sein.« Das Nebeneinander von Krieg und Konsumgesellschaft, Politik und Popmusik zieht sich durch »Ukulele Jam« den Debütroman des dänisch-bosnischen Autors, der an Nick Hornbys »High Fidelity« genau so erinnert wie an den Kriegsfilm »Hotel Ruanda«.

Alen Mešković wurde 1977 im heutigen Bosnien geboren, musste die Heimat nach Ausbruch des Jugoslawien-Krieges verlassen und kam 1994 nach einer langen Flucht in Dänemark an. »Ukulele Jam«, das betont Mešković, sei kein autobiografischer Roman. »Es geht um meine Generation, die 90er Jahre und dieses verrückte Land, aus dem wir kommen.« »Ukulele Jam« ist kein naturalistischer Thriller und kein Betroffenheitsroman, sondern ein smartes Stück Popliteratur – unter Granatenbeschuss.

Der Protagonist Miki, ein 15-jähriger Rock ’n’ Roll-Fan, muss seine Heimat mit seiner Familie verlassen und landet in einem ehemaligen Armee-Ferienclub an der kroatischen Küste. Ihr Haus wurde durch eine Explosion zerstört, sein großer Bruder wurde von feindlichen Truppen verschleppt. Aber Miki hat auch noch andere Probleme. Die Mädchen am Strand sprechen nicht mit ihm. Die Batterien seines Kassettenrekorders sind leer. Und: »Meine besten Klamotten waren zu Hause geblieben. Ich hätte mein Zeug selber packen sollen.«

Miki sitzt vor dem Radio und hört immer wieder die Propagandalieder, ertappt sich dabei, wie er unbewusst mitsummt. »Politik«, meint Mešković , »war für uns das Hobby alter Männer. Damit wollten wir nichts zu tun haben.« Pop zeigt hier mal wieder die integrierende Kraft – während ganze Völker mit Schlachtliedern auf den Lippen in den Krieg ziehen, träumt Miki von heftigen Konzerten, Sex mit Groupies, FunFunFun. Er ist Teil der transnationalen Republic of Rock. So steuert er durch den Badeort, die gleißende Sonne im Nacken, den Geruch von Sonnenöl in der Nase, die Bikinistreifen der Mädchen im Blick: »Es war unmöglich zu sehen, wer davon Flüchtling und wer Tourist war.« Alle laufen vor etwas davon.

Mešković ist in Nordeuropa angekommen. Er lebt in Kopenhagen, arbeitet dank eines dreijährigen Stipendiums einer dänischen Kunststiftung nun Vollzeit als Schriftsteller und schreibt auf – Dänisch. Auch wenn er sagt, dass man »nur eine Muttersprache« habe und deshalb in gewisser Weise immer ein wenig fremd klinge. Er findet das nicht schlimm, sagt cool: »Kulturelle Unterschiede werden überbewertet.« Längst ist er in der Multikulti- und Migrationsdebatte, die in Dänemark mindestens so heftig tobt wie in Deutschland, eine wichtige Stimme. Mešković hört oft genug, dass er »bestens integriert« sei (heißt: fällt niemandem zur Last und nicht unangenehm auf ). Er findet den Satz irritierend. »Ich habe nicht Dänisch gelernt, um Standards zu erfüllen oder einen Beitrag für die dänische Gesellschaft zu leisten«, sagt er, »sondern weil ich mein Leben zurückerobern wollte, Leute treffen, Partys feiern.« Das bedeutet wohl: Eine wirklich offene Gesellschaft bewertet Einwanderer nicht mit Checklisten, sondern bietet ihnen Kanäle und Möglichkeiten, ihren Egoismus, ihre Lebenslust und Kreativität auszuleben – davon profitieren am Ende dann alle. Zum Beispiel durch ein gutes Buch. Alen Mešković plant, die Geschichte von Miki weiterzuschreiben. Denn die wahre Geschichte einer Flucht endet nicht, wenn man in Sicherheit ankommt. Sie fängt erst an.