Joe Gebbia hat kein festes Zuhause, er schläft auf Sofas und Luftmatratzen, in Wintergärten, leeren Büros und Gästezimmern. Der 30-Jährige ist jedoch kein Drifter, Slacker oder Lebenskünstler, wie das Establishment Menschen ohne Basis – und Ziel? – gerne bezeichnet, sondern Gründer und Geschäftsführer eines Internet-Start-Ups, das mehr als fünf Millionen Nutzer und einen Marktwert von etwa 2,5 Milliarden US-Dollar hat. Auf der Internetplattform Airbnb.com können Menschen in wenigen Minuten und mit noch weniger Klicks ihre Wohnung an Fremde vermieten – oder selbst ein Dach über dem Kopf finden. Airbnb.com ist Service-Portal und Utopie zugleich. Gebbia und seine Mitgründer haben deshalb ihre eigenen Wohnungen aufgegeben und cruisen durch den Kosmos, den sie selbst geschaffen haben, sind vier Nächte in New York, zehn Tage in Berlin, zwei Wochen in der kalifornischen Bay Area und dann geht es auch schon wieder weiter. Man spart natürlich Geld für Miete und Hotels, sagt Gebbia, eigentlich gehe es ihm aber darum, »neue Räume zu erforschen« und »den Menschen näherzukommen« – sein Lebensstil ist zu gleichen Teilen Marktforschung, Abenteuer und Real-Life-Werbespot.

Das Dasein als urbaner Nomade, der ohne materiellen und verwaltungstechnischen Ballast die globale Steppe durchstreift, den weiten Horizont immer im Blick, ist ein alter, neuer Traum, der immer mehr Leuten durch den Kopf schießt. Im Graphic Diary »We are Gypsies Now – Der Weg ins Ungewisse« beschreibt und zeichnet die amerikanische Künstlerin Danielle de Picciotto, Mit-Gründerin der Love Parade und Ehefrau von Alexander Hacke, dem Bassisten der »Einstürzenden Neubauten«, den normalen, den funktionierenden Menschen als bloße Schachfigur, »domestiziert von Regeln und Grenzen«. Geschäftstermine, Versicherungspolicen, Hypothekenzahlungen erscheinen ihr als Gitterstäbe aus Stahl, und all die Verträge, die man abschließt, um den Status zu sichern, als lähmendes Gift. Am Ende sitzen die Avantgarde-Künstlerin und der Punk- Musiker jeden Abend auf dem Sofa und gucken amerikanische TV-Serien, »The Wire«, »Breaking Bad«; guter Stoff, aber: »Es fühlte sich irgendwann falsch an.«

»We are Gypsies Now« ist die Geschichte einer gleichzeitigen Entkleidung und Ermächtigung. De Picciotto und Hacke entschließen sich, Haus und Haushalt aufzugeben, nicht mehr als Spielfigur den Regeln zu folgen, sondern die Dinge in die eigene Hand zu nehmen: Sie verkaufen das Haus, lösen die langfristigen Verträge, gehen zuerst für ein Filmprojekt nach Wien und anschließend mit den »Einstürzenden Neubauten« auf eine ausgedehnte Europa-Tour. Als sie den Schlüssel abgeben, erzählt de Picciotto, verschwinden die Rückenschmerzen, die sie jahrelang geplagt hatten, auf einen Schlag. Wenig später ist sie »on the road«, wird auf dem Balkan in Revierkämpfe mit aggressiven Groupies verwickelt oder findet sich mitten in einem Schneesturm in einer Sauna wieder – ihr erstes Fazit: jeder Tag surreal, irgendwie magisch.

Der Eremit in der Wüste, der Aussteiger, der am Strand von Goa lebt und surft, der Mönch, der durch innere Einkehr und materielle Enthaltsamkeit die Erleuchtung sucht, ist eine mythische Figur der Gegenkultur. »Wir waren weder Teenager noch Hippies. Wir waren erwachsen und gaben alles auf wofür wir gearbeitet hatten«, schreibt de Picciotto. »Nomade sein wollen bedeutet Arbeit. Mehr Arbeit als je zuvor.« Aber jeder kann es tun.

Die Arbeitsschritte: (1) Den Besitz ordnen und evaluieren – was ist lebensnotwendig, austauschbar, überflüssig. (2) Den Ballast entsorgen – auf der Deponie oder auf Ebay. Das Aussteigen erscheint hier fast als technischer Prozess. Das verbindet den persönlichen Ausbruchsversuch von de Picciotto und Hacke mit Mobilitätsverstärkern wie Airbnb.com oder Car-Sharing-Diensten wie DriveNow oder Zipcar. »Das Prinzip Eigentum ist überholt«, meint etwa Joe Gebbia, »es geht viel mehr darum, eine Handlung oder Erfahrung zu machen und zu ermöglichen.« Sharing-Kultur lautet das Stichwort. In Zukunft, so Gebbia, werden Menschen nicht mehr Tausende CDs und Platten anhäufen, sondern sich einfach bei Musik- diensten wie Spotify einloggen, die es einem erlauben, Millionen von Songs zu hören. Und das Gleiche gelte für den Automobil- und Wohnungsmarkt.
»Warum soll man sich auf einen Ort festlegen«, fragt Joe Gebbia, der mit Dreitagebart und Hornbrille aussieht wie eine Mischung aus Hippie und Nerd und diese Silicon-Valley-Aura verströmt: wirtschaftliches Wachstum und sozialer Umbruch, Businessplan und revolutionäres Manifest. Der Gründer von Zipcar, Scott Griffin, sagt: »Man spart eine Menge Geld, aber die langfristige und emotionale Bindung zu unserem Service entsteht durch das Konzept des Weniger ist mehr.«
 Das Leben »on the road« – heute hier, morgen da zu sein, immer in Bewegung, nicht zu bremsen – war früher ein Privileg des Rockstars. Heute kann jeder Nomade sein und so tun, als würde sich sein bürgerliches Ich in ewiger Mobilität auflösen. Der erste Schritt ist nicht immer einfach: De Picciotto berichtet, wie sie beim Ausmisten der Wohnung mehr als fünf Kilo abnahm: »Es war strapaziös und aufreibend. Jeder Gegenstand schien sich an uns klammern zu wollen, um in unserem Leben zu verbleiben.« Als sie endlich all die Dinge, die sie gelähmt haben, losgeworden ist, weint sie vor Glück und fällt auf dem Sofa eines Freundes in tiefen Schlaf.

»We Are Gypsies Now« ist das Bilderbuch für die Minimalismus-Bewegung, deren Anhänger versuchen, durch »freiwilliges Downscaling« eine nachhaltigere, effizientere und – vor allem – glücklichere Existenz zu führen. »Minimalismus bedeutet, dass man gerade genug besitzt, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen«, sagt zum Beispiel Francine Jay, Autorin von »The Joy of Less, A Minimalist Living Guide: How to Declutter, organize, and Simplify Your Life«. »Ich besitze weniger, aber ich habe mehr Raum. Ich habe weniger Verpflichtungen und mehr Zeit. Es geht darum, Platz für die Dinge zu schaffen, die wirklich wichtig sind.«

Die Idee, dass Geld keine zentrale Stelle in Selbst- und Weltbild einnehmen sollte, dass weniger tatsächlich mehr ist, ist mittlerweile zu einem Millionengeschäft für die Selbsthilfeindustrie geworden, es gibt unzählige Bücher, Seminare, Gurus und Goldesel (denn natürlich ist auch hier die ewige Absorption der Gegenkräfte am Werk …). Anders als dem Eremiten geht es dem modernen Minimalisten ohnehin nicht um Weltabgewandtheit, sondern um Effizienz. Sie blicken wie Unternehmensberater auf ihr eigenes Leben, werfen überflüssigen Ballast über Bord und machen sich stromlinienförmiger und leistungsfähiger. Und die jungen, mehrsprachigen und gut ausgebildeten Nutzer von Sharing-Plattformen wie Airbnb oder dem Musikstreamingdienst Spotify verzichten nicht auf eine Wohnung, sondern peilen globale Existenz an, sie verzichten nicht auf eine CD, sondern fordern den Zugriff auf zehn Millionen Songs. Statt einen Gebrauchtwagen zu kaufen, schätzen sie die Option, mit Carsharing-Diensten eine Limousine, ein Cabrio oder einen Kombi zu fahren. Die Entscheidung, ein Nomaden-Dasein zu führen, wird unter dieser Perspektive nicht zu einem Akt der Bescheidenheit, sondern zu einem leicht größenwahnsinnigen Projekt.