Javier, dein letztes Buch »Das Fest des Monsieur Orphée« spielte im England der 1950er Jahre. Dein aktueller Roman ist in den USA angesiedelt. Wieder stehen die 50er Jahre im Mittelpunkt: Was fasziniert dich an dieser Epoche?

Es war in vieler Hinsicht eine besondere Zeit. Gibt es heute noch einen Star, der einen ähnlich großen Einfluss hat wie Frank Sinatra? Gibt es heute noch so wilde Partys wie damals, auf denen jede Nacht Musiker, Gangster und Politiker zusammen feiern? Ich will nicht sagen, dass es eine großartige Zeit war, aber auf jeden Fall eine interessante. Und das sind ja gute Voraussetzungen für einen Roman.

Die von dir erwähnten Partys fanden oft in Las Vegas statt. Dort spielt zum Teil auch dein neuer Krimi »Mörderisch wie ein Solo von Charlie Parker«. Wie hast du über das Leben im Vegas der 1950er Jahre recherchiert?

Ich habe vor ein paar Jahren ein Buch über Frank Sinatra und das Rat Pack geschrieben und eines über Elvis Presley, dadurch wurde Las Vegas so etwas wie meine zweite Heimat. Ich habe sehr viel recherchiert. Was mich an dieser Stadt immer interessiert hat, war eben diese einzigartige Mischung: Die größten Stars ihrer Zeit, die gefährlichsten Gangster, die einflussreichsten Politiker und die schönsten Frauen versammelten sich an einem Ort, der nur für den einen Zweck gebaut wurde, damit sich die Leute vergnügen. Sie nannten ihn »Sin City« oder »America’s Playground«. Ich kann mir keine besseren Namen vorstellen.

Im Jahre 1955 wurde in der Nähe des Sündenpfuhls Vegas in der Wüste von Nevada der Film »Der Eroberer« gedreht, er bildet neben der Las-Vegas-Szene um Frank Sinatra den Rahmen für deinen Roman. Warum?

Ich mag gescheiterte Projekte, sie haben sehr viel Poesie. Und »Der Eroberer« misslang in mehrfacher Hinsicht. Der Film bekam vernichtende Kritiken. John Wayne, der Dschingis Khan spielte, erhielt den Preis für die größte Fehlbesetzung aller Zeiten und die Dreharbeiten fanden in der Fallout-Area der amerikanischen Atombombentests statt, was aber blöderweise als ungefährlich eingeschätzt wurde. Es war ein großes Drama, das auch nach den missglückten Dreharbeiten kein Ende fand. Viele der Beteiligten erkrankten oder starben später an Krebs, auch John Wayne. Trotzdem entschuldigten sich weder die Regierung der USA noch die Armee jemals bei ihnen.

John Wayne taucht auch in deinem Buch auf. Deine Romane sind voller Popkulturzitate und Auftritte realer Figuren. Wie legst du deine Bücher an?

Ich mag fiktionale Geschichten vor allem dann, wenn sie in einer realen, historischen Welt spielen, die mir nahe ist, mit Figuren, die ich kenne. Viele Special Guests in »Charlie Parker«, wie zum Beispiel John Wayne und Frank Sinatra, musste ich in die Geschichte integrieren, weil ja ein Großteil dessen, was ich in dem Roman schildere, wirklich geschehen ist. Ich lege die realen Figuren ebenso genau an wie die fiktionalen, ich analysiere historische Fotos, alte Landkarten, Bücher, Zeitungen. Jedes Detail zählt.

Du hast ein Buch über Frank Sinatra geschrieben, was deine Begeisterung für ihn erklärt – was bedeutet John Wayne für dich?
Oh, er ist einer der Helden meiner Kindheit. Mein Großvater war ein großer Western-Liebhaber, und so wurde ich es auch. Ich glaube, John Wayne ist einer der wirklich wahren Hollywood-Stars. Wenn er auf der Leinwand erscheint, dann macht er immer genau das, was wir auch tun würden, wenn wir es könnten und den Mut dazu hätten. Er trinkt und lacht mit einem Freund und wenn es eng wird, hilft er ihm. Er rettet die Frau, die sich in Gefahr befindet, und am Ende küsst er sie. Und natürlich fängt er die bösen Jungs. Wenn John Wayne auf der Leinwand erscheint, dann kann man sich sicher sein, dass man eine gute Zeit haben wird. Er verkörpert die Magie des Films. Für mein Buch durfte ich ihn aber nicht mit seinen Filmrollen verwechseln. Ich musste mir anschauen, wie der reale John Wayne ging, sich bewegte, wie er redete. Ich fand das sehr aufregend.

Du bereitest dich mit Filmen auf deine Bücher vor, wie beeinflusst die Erzählhaltung von Filmen dein eigenes Schreiben?

Ja, ich liebe Filme, sie prägen meine Perspektive auf das Leben. Wenn ich schreibe oder lese, sehe ich eine Leinwand vor mir, auf der sich alle Details abspielen. Ich mag es, mir vorzustellen, dass ich Filme schreibe oder Bücher drehe. Aber letztendlich will ich einfach Geschichten erzählen.