Erfinder der Haustür
Hier sehen wir den erfolgreichen Geschäftsmann Karl-Heinz Klinke – den Erfinder der Haustür – vor seinem Meisterstück, der »Auf und Zu 1«.

Eine Eckkneipe im Prenzlauer Berg, 11 Uhr morgens. Der Tresen ist mit Biertrinkern in Arbeitskleidung zugestellt, Rauchen ist »strengstens erlaubt«, wie an der Wand steht (gleich neben dem Spruch: »Lieber ne Runde im Lokal als ne Dünne im Bett«). Der Kaffee wird in veralteten Maßeinheiten geliefert, als Tasse oder Kännchen. Hier will sich Martin Gotti Gottschild zum Interview treffen. Ein Statement. Es ist nicht so, dass Gotti in diese vergehende Welt der abgehangenen Thekenaphorismen gehören würde, trotz seines mehrdeutigen Schnurrbarts. Nach einer Stunde hat man den Eindruck, er sei nur neugierig und frei von Berührungsangst. Er interessiert sich ohne Zynismus für das Leben unterhalb jeden Überbaus. Und aus diesem Interesse schöpft er dann seine Arbeiten. Er schaut sich das Leben an, dann benennt er es. Die Wirtin zum Beispiel: Eine Weile schaut er ihr beim Gläserspülen und ihren Mundwinkelzerrungen zu, dann charakterisiert er sie mit einem schnellen freundlichen Zweizeiler, Pointe inklusive. Speziell die Berliner verstehe er, der selbst in Pankow aufgewachsen ist, in ihrer »phlegmatischen Flapsigkeit«, wie er es nennt. Wenn er ein Musikvideo zu dem Michael-Jackson-Song drehen müsste, der in diesem Moment im Radio läuft, womöglich würde er die Kamera einfach auf die schweigenden Biertrinker an der Theke halten; auf die Wirklichkeit des Moments also. In »Dia-Abend« sind einige seiner besten Stücke gebündelt, die er bislang nur im Rahmen seiner regelmäßigen Actionlesungen vorzeigte. Zu Dias, die er auf Flohmärkten gefunden hat, schreibt er möglichst weit hergeholte, aber wahrhaftige Kürzestgeschichten. Auf einem Bild, das untergehakte Frauen zeigt, entdeckt er »ein herzerwärmendes Beispiel mustergültiger Integration«: die 4-armige Sybille werde trotz ihres Handycaps von allen »geschätzt und akzeptiert«; Bilder, die harmlose Sonnenbadesituationen zu zeigen scheinen, verdreht er zu Szenen aus dem Sozialismus; aus Nackten werden Leistungssportler, aus Kaffeekränzchen Witzewettbewerbe. »Das sind so Fisimatenten, die ich den Leuten überhelfe«, sagt Gottschild, »aber«, das ist ihm wichtig, »ich beleidige nie jemanden.« Er betrachte die Dias wie Standbilder und frage sich, »was kann davor und danach passiert sein«, sagt er. Er fiktionalisiert die Realität. In Berlin ist er damit berühmt geworden, er tritt aber mit seinem langjährigen Kompagnon, dem Musiker Sven van Thom, unter dem Namen »Tiere streicheln Menschen« längst auch in anderen Städten auf, zeigt Dias, liest komische Kurzgeschichten, macht Musik – und ist unterhaltsam. Zur Zugänglichkeit kommt so Vielseitigkeit. Seine Arbeit sei »ein Kessel Buntes«, sagt er, man könne sie wie eine Illustrierte auf dem Klo verstehen: Gefällt dir das eine nicht, blätterst du um. Auch über »Dia-Abend« sagt Gottschild, es handle sich um »Klolektüre«. Zu verstehen ist das weniger als Abwertung der eigenen Arbeit, die als nicht lineare Sonntagslektüre besser eingeordnet wäre, sondern eher als Absage an jede Form der Selbstüberhöhung. »Ehrgeiz«, sagt Gotti, »hat den Menschen nur geschadet, das muss man einfach so sagen.«

Krumme Nülle
Immer mehr Traditionen sterben aus. Der beliebte Volkstanz – die krumme Nülle, wird z.B. nur noch in sehr wenigen sorbischen Dörfern getanzt. Schade.