Nie vergisst Sandy
Fawkes den Geschmack ihres ersten
 Drinks: ein Gin und Orange Cordial.
Es ist die Nachkriegszeit, ihr Kunstprofessor nimmt
sie mit in das legendäre Pub »French House« in Soho.
Und der bittere Gin und der süße Orangensirup bilden
auf Sandys Zunge so etwas wie eine aromatische Metapher auf
ihr zukünftiges Leben, ein biografischer Vorgeschmack auf
eine wilde Künstler- und Trinkerkarriere. »Vielleicht hätte ich schon an diesem Tag dem Alkohol für immer entsagen sollen«, erinnert sich Fawkes, »aber dann hätte ich so viel Spaß und so viele Freundschaften verpasst. Und auch einige Katastrophen.«

Das »French House«, wo der General de Gaulle während des Zweiten Weltkriegs seine berühmte Radioansprache an die Franzosen verfasst haben soll, wo sich Dylan Thomas und Francis Bacon betranken, wird zu Fawkes Wohnzimmer, und das ist ausnahmsweise einmal keine Floskel, denn ein wirkliches Zuhause hat Fawkes nie. Sie kommt aus dem Nirgendwo. Niemand weiß, wer ihre Eltern sind, fest steht nur, dass man im Jahr 1929 am Rand des Grand Union Kanal in London ein kleines Baby findet. Fawkes kommt zu Pflegeeltern, bewahrt keine guten Erinnerungen an diese Zeit und heiratet 1949 den berühmten Jazz-Klarinettisten und Cartoonisten Wally Fawkes. Die beiden haben vier Kinder, eine ihrer Töchter stirbt früh, die Ehe zerbricht. Sandy arbeitet für verschiedene Zeitungen als Modezeichnerin, Moderedakteurin und Kriegsreporterin. 1974 lernt sie in Atlanta, Georgia – natürlich in einer Bar – einen Mann kennen: John Paul Knowles ist schön und geheimnisvoll und aufregend gefährlich, die beiden verbringen einige Nächte miteinander, dann trennen sich ihre Wege, kurze Zeit später wird Knowles von der Polizei verhaftet und bei einem Fluchtversuch erschossen: Er ist einer der brutalsten Serienmörder in der Geschichte der Vereinigten Staaten und hat mindestens 18 Menschen umgebracht. Fawkes, die nichts ahnte von der Gefahr, in der sie schwebte und nur mit sehr viel Glück nicht Knowles 19. Opfer wurde, schreibt über den »Casanova Killer« ein überaus erfolgreiches Buch: »Killing Time«.


Noch berühmter wird Fawkes allerdings als öffentliche Trinkerin, als Salonlöwin und ewiger Stammgast, ein leuchtender Stern in der immerwährenden Schummrigkeit der Pubs, eine Dame in Rock und Pelzhut, mit unstillbarem Durst auf Männer und Gin und Whiskey und Champagner, die, wie Begleiter bemerken, offenbar niemals auf die Toilette muss. Fawkes stirbt 2005 im Alter von 75 Jahren, und dass wir uns so ein Leben kaum als geglückt vorstellen können, sagt wohl vor allem etwas über uns selbst und unser lustfeindliches Zeitalter aus. Heute würde sich in London selbstverständlich kein erfolgreicher Journalist und keine Businesswoman mehr ab zwölf Uhr mittags stilvoll zulaufen lassen. Man joggt lieber in aller Frühe und in bunten Sportklamotten zur Arbeit und ordert zum Low-Carb-Lunch ein stilles Mineralwasser. Sandy Fawkes aber nimmt den Exzess sehr ernst, mit rauschhafter Liebe zum Detail.

Wie man den Exzess aber übersteht, wie man die Nacht durchsäuft und trotzdem am nächsten Morgen präzise Sätze formulieren kann, das verrät Fawkes in ihren »Ernährungsgrundlagen für den leidenschaftlichen Trinker«.